Prolog im Himmel

Gott zum Teufel: Was willst denn du schon wieder hier?

Teufel: Nun, ich tue, was ich tun muss.

Gott: Hast du meinen treuen Diener Johannes beachtet?

Teufel: Zum Teufel ja. Der ist so rechtschaffen und treu ergeben, sag, der lebt doch gar nicht richtig!

Gott: Was verstehst du denn unter «leben»?

Teufel: Ein Mensch ist dann lebendig, wenn er all das tun kann und darf, was ihn glücklich und zufrieden macht!

Gott: Nun, jeder hat seine eigenen Gaben. Johannes ist sehr wohl glücklich und zufrieden!

Teufel: Ha! Das ist doch nicht dein Ernst! Johannes dient seinem König Tag und Nacht und ist ihm immerzu treu ergeben. Das nennst du «leben»?

Gott: Genau so ist es.

Teufel: So lass mich ihm sein Liebstes nehmen und schauen, ob seine Treue nicht ins Wanken kommt!

Gott: So sei es.

Da ging der Teufel zum König und liess ihn todkrank werden.

Episode 1

Wir befinden uns im Park eines Schlosses. Wir sehen... eine Frau eilig durch das grosse Tor der majestätischen Schlossmauer hasten.

Sabine With, laut rufend: Märchenerzählerin!

Die Märchenerzählerin kommt anscheinend aus dem Schloss, ein märchenhaftes Schloss mit tausend Türmchen und...

Märchenerzählerin, welche sich die Schürze losbindet: Frau With, was für eine Freude!

Sabine With: Komme ich ungelegen?

Märchenerzählerin, weist auf eine Bank hin, welche unter einem Apfelbaum steht, der über und über mit goldenen Früchten...

Märchenerzählerin: Nein, ihr seid mir immer herzlich willkommen. Doch setzt euch meine Liebe. So, nun sagt mir, was euch hierherführt.

Sabine With: Es ist nun ein Jahr her, seit ich eurer Geschichte lauschte.

Märchenerzählerin, nachdenklich: Es ist bereits wieder soweit?

Sabine With, eifrig: Ach, wem sagt ihr das! Die Tage eilen nur so vorbei, erst noch war es Winter, dann Frühling und Sommer... nun steht der nächste Winter bereits bevor. Nachdenklich: Ist hier eigentlich immer Herbst?

Es scheint wirklich Herbst zu sein. Die Wälder in der Ferne leuchten herbstlich gelb und rot, die wilden Rosen, welche die Schlossmauer überwuchern tragen unzählige, fleischige, rote...

Märchenerzählerin: Es muss nicht sein, es hat sich so ... ergeben, würde ich...

Halt!

Sabine With, verdutzt: Habt ihr das gehört?

Märchenerzählerin: Wahrlich ja.

Ich unterbreche euch ungern, aber lasst mich doch endlich ausreden.

Sabine With, schaut sich um: Wer spricht da? Ich sehe niemanden!

Ich bin die wahre Erzählerin. Ich bin die Chronistin dieser Geschichte. Darum lasst mich ausreden!

Märchenerzählerin: Dann sprich! Dann erzähle!

Oh, jetzt habt ihr mich ganz aus dem Konzept gebracht! Ich wollte doch das schöne Schloss beschreiben...

Sabine With, eifrig: Ja, das Schloss ist traumhaft. Auf den ersten Blickt scheint es eine mittelalterliche Anlage zu sein, aber dafür ist es viel... wie soll ich sagen?

So lasst mich doch endlich ausreden: Es ist ein Märchenschloss, nicht zu prunkvoll, nicht zu schlicht. Es besitzt einen Zauber: Jeder sieht darin genau jenes Schloss, welches seinem inneren Bild eines Märchenschlosses entspricht.

Sabine With, eifrig: Und der Park ist einfach wundervoll! Ein Teich mit goldenen Fischen, wunderschön angelegte Blumenrabatte, ich – sie sieht sich um – mache purpurrote und rosa Herbstastern aus, golden blühendes Ochsenauge...

Ein paar Kinder spielen auf den Wiesen, ein alter Mann schneidet die Rosenbüsche... und jetzt kommt doch tatsächlich Berta, die Köchin, aus dem Schloss, schaut sich kurz um, und eilt zur Bank, wo die beiden Frauen sitzen.

Berta: Guten Tag, die Damen. Kurt, der Küchenjunge, hat mir gesagt, dass ihr, werte Märchenerzählerin, bereits hier sitzt. Erlaubt mir eine Frage: Bin ich zu spät?

Märchenerzählerin: Zu spät wozu?

Berta, aufatmend: Ihr habt die Rollen noch nicht verteilt? Ich bin noch nicht eingeplant?

Märchenerzählerin: Nicht, dass ich wüsste.

Berta, mit einem Seufzer: Dann ist es gut.

Sabine With: Was ist gut?

Berta, mit einem Ruck: Hiermit kündige ich.

Märchenerzählerin, stockend: Das, das geht nicht, das geht ganz und gar nicht!

Berta, aufmüpfig: Und warum nicht?

Märchenerzählerin: Du gehörst hierher, du bist eine Art Institution!

Berta, bitter: Ja, ja, ich bin die gute Berta, die Köchin, die für jeden und jede immer ein offenes Herz hat, Verständnis zeigt und alle mit ihren jeweiligen Lieblingsgerichten bekocht.

Märchenerzählerin: Genau, so steht es auch in deinem Arbeitsvertrag. Aber bitte sag uns doch: Was hat dich denn bewogen, zu kündigen? Gefällt es dir hier nicht mehr?

Berta, nachdenklich: Meine Rolle, die ich hier spiele, ja, mit dieser könnte ich mich... hm... vielleicht gerade noch aussöhnen, aber die Küche!

Märchenerzählerin: Was ist denn mit der Küche?

Berta: Die Küche ist einfach unmöglich! Gut, sie ist warm und gemütlich irgendwie, vor allem im Winter. Aber die vielen veralteten Geräte! Sie sind nicht nur unpraktisch, sie lassen sich auch nur mit grosser Mühsal reinigen. Was mich jedoch am meisten zu schaffen macht: Mir fehlt das Tageslicht!

Sabine With: Jetzt sag bloss, du hast keine Fenster in der Küche.

Berta: Doch, doch, ein einziges, winziges Fenster gibt es. Indes, es ist viel zu klein, man sieht kaum hinaus. Träumerisch: Ich müsste in den Garten sehen können, mitverfolgen wie im Frühling die Krokusse aus dem Boden spriessen, die Schneeglöckchen, Märzenbecher und Leberblümchen. Und die Rosen, ja die Rosen...

Sabine With: Du brauchst lediglich ein grösseres Fenster, und einige neumodische Küchenutensilien, das ist alles?

Berta, seufzend: Nein, das ist noch nicht alles, aber darüber möchte ich nicht sprechen.

Sabine With, eifrig: Es ist ein Mann? Es muss ein Mann sein!

Berta: Kein Kommentar.

Sabine With, beharrlich: Wohnt er im Schloss? Ist es ein Diener? Oder ist er vielleicht verheiratet?

Berta, wütend: Ja, verheiratet ist er, aber nicht so, wie ihr wohl denkt. Er ist mit seinem Job verheiratet!

Atemlos und laut schluchzend eilt Kurt, der Küchenjunge, herbei.

Kurt, zu Berta: Schnell, beeilt euch!

Berta: Was ist denn los?

Kurt: Der König, der König...

Berta: Durchatmen Kurt! Was ist mit dem König?

Kurt: Der König ist plötzlich krank geworden und Johannes lässt euch fragen, ob ihr eine kräftigende Hühnersuppe kochen könnt und, und... den besten Wein aus dem Keller holt.

Berta, betroffen: Der König krank? Ich kann es kaum glauben. Vor einer halben Stunde war er noch frisch und munter und hat mit seinem Sohn, dem Prinzen, gefrühstückt. Mein Gott, war vielleicht etwas mit dem Essen nicht in Ordnung?

Berta eilt von dannen. Dann hält sie inne, kehrt zur Märchenerzählerin zurück, wirft ihr einen Briefumschlag zu mit den Worten

Berta, atemlos: So, diesen Brief hätte ich euch geben sollen!

...und eilt erneut von dannen.

Sabine With: Was war denn das?

Märchenerzählerin, die den Umschlag vom Boden aufliest und ihn öffnet: Keine Ahnung, meine Liebe.

Die Märchenerzählerin liest den Brief, schüttelt den Kopf.

Sabine With: Nun sagt schon!

Doch kaum hat die Märchenerzählerin das Schreiben zu Ende gelesen, prescht ein Reiter, von den königlichen Pferdeställen herkommend, auf einem fuchsroten Pferd durch den Park, galoppiert durchs Schlosstor und verschwindet in der Ferne.

Märchenerzählerin: Das war Johannes, der Kammerdiener des Königs. Es muss um den König ernst sein, wenn Johannes selbst aufs Pferd steigt.

Sabine With, verwirrt: Ich... erzählt... erklärt euch doch bitte. Ich befürchte, ich verstehe nicht wirklich, was sich hier abspielt...

Märchenerzählerin: Ja, eigentlich weiss ich in concreto auch nichts Konkretes, ich kann nur raten. Doch ich nehme an, Johannes reitet zu einem der Ärzte, die in der Hauptstadt praktizieren und sehr kompetent sind. Es muss sehr ernst um den König stehen, nehme ich an. Ach ja, das könnt ihr nicht wissen: Josef weicht nur im Notfall von der Seite des Königs. Darum diese Schlussfolgerung.

Sabine With: Und, was steht im Brief, die euch Berta, äh, überreicht hat?

Märchenerzählerin: Es ist ein Schreiben des Königs. Er bittet mich inständig, ihn zu beurlauben, er möchte vorläufig keine Rolle mehr als König im nächsten, oh nein, in diesem Märchen spielen.

Sabine With, fassungslos: Er hat gekündigt, wie Berta?

Märchenerzählerin, den Kopf schüttelnd: Wenn ich die Zeichen richtig deute, so sind die angesagten Kündigungen bereits obsolet.

Episode 2

In der Kammer des Königs. Der König liegt im Bett, der Arzt packt gerade seinen Koffer zusammen.

Arzt, räuspert sich: Es tut mir leid, mein König. Ich finde nichts. Ich kann nichts für Euch tun. Ihr seid gesund, doch ihr seid...

König: Ihr wollt sagen, ich sei alt und altersschwach?

Arzt: Ich fürchte ja, mein König.

König: Macht euch keine Gedanken, ich bitte euch! Johannes wird euch gleich zwei Golddukaten für eure Dienste geben.

Arzt: Die kann ich nicht annehmen, ich konnte ja nichts für Euch tun.

König: Ich bestehe darauf! Ihr habt den weiten Weg zu mir unternommen, habt mich untersucht. Die zwei Dukaten stehen euch zu.

Arzt, mit einer Verbeugung: Wenn Ihr darauf besteht. Ich danke Euch!

König: Ich weiss längst, dass meine Stunde einmal kommen würde, meine allerletzte Stunde. Nun ist sie gekommen, etwas überraschend abrupt, doch was soll’s. Schickt mir Johannes herein, wenn ihr so gut seid!

Sabine With aus dem Off: Ist der König nun real erkrankt, oder sind wir schon mitten in der Geschichte?

Märchenerzählerin aus dem Off: War das eine Frage, meine Liebe?

Johannes tritt in die Kammer des Königs und kniet sich neben dem Bett nieder.

Johannes: Mein König.

König: Mein getreuer Johannes! Doch steh auf, mein Guter, nimm den Stuhl dort und setze dich zu mir. Ich muss ein ernstes Wort mit dir reden.

Johannes: Sehr wohl, mein König.

König, ernsthaft: Mein treuer, mein allertreuerster Johannes, ich fühle, dass mein Ende herannaht, und da habe ich keine andere Sorge als um meinen Sohn. Er ist noch... wie soll ich sagen? Er ist...

Johannes: Ihr wollt sagen, er sei jung? Jung und unerfahren?

König: Ja, jung ist er, mein einziger Sohn, mein Augapfel. Er ist zwar sehr gescheit, auch in praktischen Dingen kein Tölpel, und doch, er ist halt... wie ihr selbst festgestellt habt: Jung und unerfahren. Er sollte einen weisen Berater haben, einen Vertrauten, der ihm eben zu raten weiss, ihn unterrichtet, damit er für sein hohes Amt gewappnet ist. Getreuester Johannes, ich bitte euch inständig: Seid meinem Sohn ein Pflegevater und Lehrer. Wenn ihr mir das nicht versprechen könnt, ja dann könnte ich meine Augen nicht in aller Ruhe schliessen.

Johannes, ergriffen: Ich gebe Euch mein heiliges Versprechen: Ich werde mich um Euren Sohn kümmern, ihn nicht verlassen und ihn mit Treue dienen ... selbst wenn es mein Leben kosten würde.

König: Danke dir, mein Freund, nun kann ich getrost und in Frieden sterben. Hör mir zu: Nach meinem Tode sollst du meinem Sohn das ganze Schloss zeigen, alle Kammern, Säle, Gewölbe und alle Schätze, die darin liegen. Aber die letzte Kammer, jene die in dem langen Gange ganz zuhinterst liegt, nun jene Kammer sollst du ihm nicht zeigen. Denn wisse, in dieser Kammer ist das Bild der Königstochter vom goldenen Dache verborgen. Wenn mein Sohn das Bild erblicken würde, dann würde er von einer heftigen Liebe zu ihr ergriffen und ohnmächtig zu Boden niederfallen und sich darauf in grosse Gefahren bringen. Davor sollst du ihn behüten.

Johannes, feierlich: Ich verspreche es Euch, mein König. Ich gebe Euch mein Wort darauf, ihr könnt auf mich zählen! Und legt seine Hand feierlich auf diejenige des Königs.

Der König wird nun ganz ruhig, lächelt, legt sein Haupt auf die Seite, seufzt noch einmal... und stirbt.

Unvermutet tritt der Prinz in die Kammer, hält kurz inne und sieht seinen leblosen Vater auf dem Bett liegen. Er stösst einen Schrei aus, sinkt auf die Knie, und nimmt die schlaffe Hand des Vaters uns küsst sie.

Prinz, schluchzend: Mein Vater, oh mein Vater. Ich habe es eben erst erfahren. Ich hätte mich gerne von dir verabschiedet, mein Vater, mein guter Vater.

Johannes, mitfühlend: Es tut mir leid, mein Prinz. Niemals hätte ich gedacht, dass Euer Vater so unverhofft und schnell stirbt.

Prinz: Hat er noch etwas gesagt?

Johannes: Ja, er hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich Euch so diene, wie ich ihm gedient habe. In aller Treue. Das habe ich ihm versprochen. Mit einer Verbeugung: Ich bin bereit, für Euch mein Leben hinzugeben, falls die Umstände es erfordern.

Prinz: Ich danke dir. Doch sprechen wir nicht von deinem Sterben, bitte. Dass du dein Leben für mich opfern würdest, ist sicherlich sehr nobel von dir, doch ich hoffe, nein ich bin dessen gewiss: Das wird niemals notwendig sein.

Episode 3

Im Hof des Schlosses. Der Blick durch Schlosstor zeigt die von leichtem Bodennebel verhangene Landschaft. Doch der Hügel, auf dem das Schloss steht, wird bereits von wärmendem Sonnenlicht angestrahlt. Die Märchenerzählerin und Sabine With sitzen auf der Bank unter dem ... nanu? ... blühenden Apfelbaum. Da erscheint Berta mit einem Tablett auf dem sich Brötchen, Kekse, ein Krug und noch allerlei Dinge befinden, die es einem gemütlichen Kaffee-und-Kuchen-Plausch im Freien draussen gehören. Neben ihr her stolziert Kurt, der Küchenjunge, der einen schweren Korb mit Picknickgeschirr schleppt.

Sabine With: Nanu, was ist denn los?

Berta: Ich habe euch draussen sitzen gesehen und ich habe mir gedacht, dass ihr euch über eine kleine Erfrischung sicherlich freuen würdet.

Berta, die inzwischen ein Tischchen hervorgezaubert hat, deckt dieses und arrangiert die süssen Köstlichkeiten darauf.

Sabine With, mitfühlend: Geht es dir wieder besser? Hast du dich mit der Küche ausgesöhnt?

Berta, schwärmerisch: Die Küche? Sie ist ein Gedicht!

Sabine With: Ein Gedicht? Hast du dich nicht gerade vorhin noch beklagt, sie sei düster und altmodisch?

Berta, lächelnd: Ach, das war einmal. Jetzt würdet ihr sie nicht mehr wiedererkennen. Luftig ist sie nun, mit einer breiten Schiebetür zum Garten hin!

Sabine With, verdutzt: Aber, gerade eben noch...

Märchenerzählerin zu Sabine With: Meine Liebe, hier herrscht eine andere Vergänglichkeit. Was uns «eben vorhin» dünkt, kann hier durchaus bereits einige Monate zurückliegen.

Sabine With, immer noch sprachlos: Ah, äh...

Berta, träumerisch: Ihr müsst wissen, nachdem der alte König zu Grabe getragen und die allgemeine Trauer etwas abgeflaut war, da begann Johannes, der Gute, den Prinzen im Schloss umherzuführen, ihm alle Kammern, Säle, Gewölbe und alle Schätze, die darin liegen, zu zeigen. Sie begannen in den königlichen Kellerräumen, dort wo das Gold lagert...

Sabine With: Gold? Davon wisst ihr einfach so? Ist das nicht geheim?

Berta, lächelnd: Nicht «einfach so». Habt ihr vergessen, dass ich in der Küche arbeite? Hier tauschen sich die Dienstleute aus und ich sage euch: Dienstleuten kann man kaum etwas verheimlichen. Nun, wo war ich stehen geblieben: Ja, die Schlossbesichtigung.

Sabine With, sie unterbrechend: Kannte der Prinz sein zu Hause nicht schon längstens?

Berta, strahlend: Oh, das Schloss ist gross, riesig, würde ich meinen. Ihr könnt euch vermutlich kaum vorstellen, wie verschlungen die Gänge sein können, die Suiten von Schlafzimmern mit den jeweiligen Ankleideräumen, die abgelegenen Kammern, die geheimen Räume. Gewisse Räumlichkeiten werden selten bis nie betreten...
Nun denn. Nach den Kellern wollte der Prinz ausdrücklich auch die Küche offiziell besichtigen. Ihr müsst wissen: Die Königin ist gestorben, als der Prinz noch ein kleiner Junge war. Der König wollte seinem Sohn eigentlich eine Tagesmutter suchen, doch der junge Prinz hat sich an den Rockzipfel von Nanny, der einstigen Kammerjungfer der Königin, gehängt und liess ihn nicht mehr los. So kam es, dass sich der Junge oft und gerne in der Küche aufhielt und von allen verwöhnt wurde, was ihm aber nicht geschadet hat. Darum war diese sogenannte «offizielle Besichtigung» ein wenig, ja wie soll ich denn nur sagen, nun, sie war ein bisschen bizarr.
Es war kurz vor dem Mittagsmahl, der Kalbsbraten war seit geraumer Zeit im Ofen und duftete köstlich. Martha, die Küchenmagd, war gerade daran, die Kartoffeln für den sämigen Kartoffelstock zu stampfen, eine Lieblingsspeise des Prinzen, eine andere Magd rüstete das Gemüse, kurz, es herrschte Hochbetrieb. Der gute Johannes liess sich nicht aus der Ruhe bringen und zeigte dem Prinzen auf, welch ein Gewinn es wäre, wenn die Küche einen direkten Zugang zum Kräutergarten hätte. Der Prinz war erstaunt: Befindet sich denn ein Kräutergarten da draussen? Ich dachte, in diesem Bereich des Schlossgartens befänden sich die Obstanlagen? Der gute Johannes entgegnete wortgewandt: Mein Prinz, was noch nicht ist, kann geschwind noch werden! Ja und dann wurde ein Baumeister geholt, der zeichnete Pläne, danach wurden die alten Mauern durchgebrochen – was für ein Staub das gab, ich kann es kaum beschreiben – der Zimmermann kam und zimmerte einen breiten Türrahmen und eine Türe und fügte in letztere Glas ein, der Schmied kam, und schmiedete eine komplizierte Vorrichtung, woran die Türe hängen, und eine Schiene, worin die Türe gleiten sollte. Nach etwa einer Woche war der ganze Umbau-Spuk vorbei, die Küche auf Hochglanz geputzt. Ja und jetzt gibt eine breite Glas-Schiebe-Türe den Blick ins Grüne frei und lässt sich kinderleicht zur Seite schieben. Seither kann ich mein kleines Gartenparadies jederzeit betreten. Denn der Gärtner kam ebenfalls, hat einen kleinen, steinernen Platz angelegt mit einer Bank zur Mauer hin, darum herum Kräuterbeete und darin hat er allerlei wohlduftende Küchenkräuter angepflanzt: Salbei und Rosmarin, Petersilie und Schnittlauch, Ysop und Dill, verschiedene Pfefferminzsorten, Basilikum... oh, ihr müsst kommen und das Gärtchen selbst anschauen!
Wenn ich eine Pause habe, dann setze ich mich draussen hin, geniesse das kleine Paradies, schaue den Vögeln zu, den Schmetterlingen, den Bienen. Manchmal rupfe ich auch sorgfältig die Unkräuter aus, welche den Würzkräutern zu nahe kommen.

Sabine With: Oh, ich sehe, ihr seid ja ganz entzückt und freudig!

Berta, entzückt: Oh, ja, das bin ich!

Sabine With, verschmitzt: Der gute Johannes scheint ja eure geheimsten Wünsche zu kennen, dass er sich beim Prinzen so ins Zeug gelegt und sich für euren grossen Traum eingesetzt hat!

Berta, träumerisch: Ja, der Johannes, der liebe Johannes, der Gute. Denkt immer an die anderen und nie an sich selbst. Plötzlich: Oh, mein Gott: Nun müsst ihr aber zulangen, der Kaffee ist gewiss längst kalt geworden! Soll ich einen neuen holen? Und eilt bereits zurück.

Episode 4

Wir befinden uns im Schloss, in einem abgelegen, eher düsteren Korridor. Der Boden ist aus kostbarem Marmor gefertigt, die Wände mit Stofftapeten tapeziert, die auf denen exotische Pflanzen und Vögel prangen, und wenn wir den Blick erheben, so sind die Decken stuckverziert. An den Wänden sind Halterungen für Kerzen angebracht, doch nur wenige brennen, darum ist es hier so schummerig. Der Prinz geht mit dem treuen Johannes den Gang entlang, doch plötzlich hält der Prinz vor einer Tür inne.

Prinz, lachend: Halt, mein Lieber!

Johannes, entschieden: Weiter, mein Prinz, wir wollten doch heute dieses Stockwerk fertig erkunden.

Prinz: Bevor wir weiter wandeln und du mir alle Schätze und Gewölbe im Schloss zeigst, musst du mir diese Türe öffnen!

Johannes, zögernd: Welche Türe meint Ihr?

Prinz, lächelnd: Na, diese Türe hier! Meinst du, ich habe nicht bemerkt, dass du mich bereits dreimal an dieser Türe vorbeigelotst hast? Nun, wohlan, lüfte das Geheimnis! Sind hier seltene Goldschätze verborgen. Oder etwa geheime Dokumente, von denen nur Eingeweihte wissen dürfen?

Johannes, entschieden: Es tut mir leid, mein Prinz. Ich darf Euch diese Türe nicht öffnen.

Prinz: Du darfst nicht? Nun nichts ist einfach als das. Mit gebieterisch erhobener Stimme und einem noblen Kopfnicken: Johannes, ich erlaube dir gnädig, diese Türe zu öffnen.

Johannes, zerknirscht: Oh, Ihr bringt mich in eine schwierige Lage. Einen Zielkonflikt, gewissermassen. Ihr müsst wissen, dass ich Eurem Vater an seinem Sterbebett heilig geschworen habe, diese Türe hier vor euch verborgen zu halten und sie nicht zu öffnen. Niemals.

Prinz: Nun machst du mich aber neugierig. Was ist in dieser Kammer so Schreckliches versteckt?

Johannes: Eigentlich ist nichts Schlimmes da drin. Aber für Euch wäre es schlimm: Ihr würdet Schaden nehmen. Ihr würdet todunglücklich!

Prinz: Johannes, Johannes. Meine Neugierde wird immer grösser.

Johannes: Oh, mein Prinz, habt Erbarmen. Seid doch so grossmütig und vertraut mir. Nicht nur mir, auch Eurem verstorbenen Vater, der nur das Beste für Euch wollte. Was hier drin ist würde Euch schaden und Euch ins Verderben führen. Und mit Euch würde das ganze Königreich untergehen. Bedenkt doch: Bald schon werdet Ihr zum König geweiht, Ihr müsst Euch selbst Sorge tragen, Euch darf nichts Schlimmes geschehen!

Prinz: Weisst du, mein Freund, ich möchte selbst entscheiden, was mir schadet oder nicht. Ich bin mein eigener Herr.

Johannes, flehend: Gewiss, gewiss, das seid Ihr und Euer Vater wusste das wohl. Er selbst hat gesagt, Ihr seid gescheit, aber...

Prinz, ergreift den Türdrücker: Ich werde die Türe selbst öffnen... oh, sie ist abgeschlossen!

Johannes: Es gibt nur einen einzigen Schlüssel, zu Eurem Schutz.

Prinz, ernst: Lieber Johannes. Ich glaube und vertraue dir. Du bist treu, auch meinem Vater warst du treu ergeben. In den letzten Monaten hast du mir alles gezeigt und gelehrt, was ich wissen muss. Sogar in den Künsten der Buchhaltung hast du mich unterrichtet, damit ich auch ja von keinem Schatzmeister je übertölpelt werde. Ich bin dir sehr zu Dank verpflichtet...

Johannes: Oh, das seid Ihr nicht. Das ist mein Dienst an Euch.

Prinz: Du bist loyal, kein bisschen eitel, ich weiss das alles sehr zu schätzen. Und du kennst mich durch und durch. Wenn ich dir sage, dass ich fortan keine ruhige Minute mehr haben werde, weil ich durchaus und immerzu und leidenschaftlich wissen möchte, was sich hinter dieser Tür verbirgt, so weisst du, dass ich nicht übertreibe. Ich würde krank, mich grämen. Nun: Was wäre denn schrecklicher?

Da sucht Johannes unter grossem Seufzen und Ächzen den Schlüssel aus dem Schlüsselbund heraus

Prinz, betroffen: Was stöhnst und ächzt du so? Bist du etwa krank?

Johannes, stöhnend: Ach, es ist mein Gewissenskonflikt, unter dem ich leide!

Prinz, fragend: Du hast bereits gesagt, es sei ein Zielkonflikt!

Johannes, ächzend: Es ist beides. Ich kann nicht zweien Herren dienen. Das ist mein Konflikt.

Prinz: Mach vorwärts, Johannes, ich halte das Hinhalten nicht länger aus!

Johannes, zerknirscht: So lasst mich die Türe öffnen, doch gestattet mir, dass ich zuerst eintrete und...

Prinz: Um das Geheimnis doch noch zu verbergen? Nein, mein Lieber, ich will es sehen. Jetzt!

Da hat der treue Johannes die Türe – wir sehen es erst jetzt, dass diese ganz und gar mit goldenen Intarsien verziert ist – aufgeschlossen, tritt behände ein, ergreift eilends ein Tuch, um das Bildnis zuzudecken, ja, jetzt hat er das Tuch bereits in den Händen, wirft es auf das Bildnis. Allein, der Prinz hat sich bereits auf seine Zehenspitzen gestellt, blickt Johannes über die Schultern und erblickt das Bildnis der schönen Königstochter. Es ist ein unsagbar herrliches Bild, über und über mit Gold und Edelsteinen verziert, die schöne Königstochter sieht aus, als ob sie lebendig wäre, und nicht einfach ein Abbild, ja, sie sieht so lebendig und frisch und blühend schön aus, also ob sie gleich aus dem Gemälde treten würde. Da macht der Prinz einen tiefen Seufzer und fällt ohnmächtig zu Boden.

Johannes: Wehe, wehe, wehe uns beiden. Herr im Himmel was soll nun nur werden?

Episode 5

Irgendwo im Schloss in einer verschwiegenen, aber gemütlichen Ecke. Berta sitzt in einem Sessel und strickt. Da kommt Johannes.

Berta, aufblickend: Johannes!

Johannes: Ja, Berta, ich bin’s.

Berta: Du wirkst bedrückt.

Johannes: Ich bin mit meinem Latein am Ende!

Berta: Setzt dich. Möchtest du eine Tasse Tee?

Johannes: Nein danke. Mir ist weder ums Essen noch ums Trinken.

Berta, bestimmt: Manches klärt sich, wenn man sich eine Tasse Tee gönnt und erzählt. Komm, setz dich und erzähle.

Johannes: Ich sollte nach dem Prinzen schauen.

Berta: Was ist mit ihm?

Johannes, seufzend: Er hat sich... er ist... er...

Berta: Nun komm schon! Was ist los?

Johannes, gibt sich einen Ruck: Nun denn: Ich habe ihm die Türe zur Kammer geöffnet.

Berta: Du meinst doch nicht etwa diejenige, die im langen Gang ganz zuhinterst ist?

Johannes, bedrückt: Genau diese!

Berta: Und der Prinz hat das Bildnis der Prinzessin vom goldenen Dach gesehen?

Johannes, zerknirscht: Ich wollte es noch geschwind abdecken, aber das ist mir gründlich misslungen.

Berta: Und der Anblick hat ihn verstört, verwirrt, konfus gemacht?

Johannes: Ja, er wurde ohnmächtig. Ist einfach zusammengesackt. Ohne einen Mucks von sich zu geben.

Berta: Und du sitzt hier gemütlich und trinkst mit mir Tee?

Johannes: Nur ruhig. Er ist in Sicherheit. Ich habe ihn ins Bett gebracht und ihm Wein eingeflösst.

Berta: Und?

Johannes: Er ist kurz erwacht und dann wieder in die Ohnmacht abgetaucht.

Berta: Das war wann?

Johannes: Vor drei Stunden.

Berta: Und, ist er noch einmal zu Bewusstsein gekommen?

Johannes: Ja, vor etwa einer halben Stunde.

Berta, ergriffen: Und dann hat er bestimmt gefragt, wer auf dem Bildnis abgebildet sei.

Johannes, bedrückt: Genau. Kaum hat er die Augen aufgeschlagen, hat er mich angesehen und gefragt: Ach, wer ist die Schönheit auf diesem Bild?

Berta: Ja?

Johannes, bedrückt: Ach, ich hab’s ihm doch sagen müssen!

Berta: Wie hat er reagiert?

Johannes: Du kannst es dir denken, denke ich.

Berta, kopfnickend: Oh, ja. Ich kann es mir lebhaft vorstellen. Er will sie sehen.

Johannes: Nicht nur sehen!

Berta: Aber bereits sie zu sehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Johannes: Er ist in Liebe zu ihr entbrannt.

Berta: Was für ein Blödsinn. Als würde man sich so leicht verlieben. Liebe ist etwas... Seriöses... das dauert, das muss dauern... nicht so hoppla-hopp!

Johannes: Ich bin ganz deiner Meinung... doch...

Berta: Das Bild ist Zauberei, Verhexung... Es wird ihn ins Unglück stürzen.

Johannes: Wem sagst du das. Sein Vater hat das genauso vorhergesehen. Er hat mich auf seinem Sterbebett inständig gebeten, dem Prinzen ja nicht die Türe zur Kammer zu öffnen.

Berta: Aber das hat nicht geklappt.

Johannes: Nein, hat es nicht.

Berta, kopfnickend: Ich kann es mir lebhaft vorstellen. Du wolltest ihn an der Türe vorbeilotsen und er hat’s gemerkt.

Johannes: Genau so war es.

Berta, kopfschüttelnd: Ein cleveres Bürschchen, war er schon immer. Aber oh, mein Gott, was wirst du nun tun?

Johannes: Zuerst die Festivitäten absagen.

Berta, entschieden: Nein, mach das nicht. Das bringt Unglück!

Johannes: Das Unglück ist bereits geschehen.

Berta, nachdenklich: Er wird sich nicht mehr umstimmen lassen. Es liegt eben ein Zauber über dem Bild. Was ich ganz und gar nicht verstehe: Wenn der König schon alles so vorhergesehen hat, warum hat er das Bildnis nicht längst entfernen lassen?

Johannes: Weiss der Teufel warum.

Berta, legt das Strickzeug auf den Tisch: Nun, jammern und werweissen nützt jetzt nichts mehr. Wir brauchen einen Plan!

Johannes: Ich habe mir auch schon überlegt, was zu tun ist. Zumindest wissen wir, wo sich ihr Schloss befindet.

Berta: Und man munkelt, dass ihr Schloss anscheinend ganz und gar aus Gold besteht.

Johannes: Das ist Blödsinn, meine Liebe. Man kann keine goldenen Mauern bauen. Die würden niemals halten. Oder die Dachbalken: Die müssen aus festem, stabilem Holz gezimmert sein – nachdenklich – dicke Balken von Eichen, oder noch besser von Eiben. Das ist das härteste Holz, wusstest du das?

Berta, nachdenklich: Vielleicht ist ja das Dach mit goldenen Ziegeln bedeckt?

Johannes: Das bestimmt. Becher und Schüsseln könnten ebenfalls aus Gold sein.

Berta, grüblerisch: In Stoffe lassen sich sehr gut Goldfäden einweben.

Johannes, eifrig: Allenfalls sind Tapeten, Teppiche, Vorhänge und das Bettzeug golddurchwirkt.

Berta: Sie soll aussergewöhnlich gescheit und weise sein, die Prinzessin, meine ich.

Johannes: Und gelehrt und sehr belesen.

Berta, mit einem Seufzer: Und unendlich reich!

Johannes, zerknirscht: Sie lässt keine Freier in ihr Schloss.

Berta: Dann brauchen wir einen anderen Vorwand.

Johannes: Welchen denn?

Berta, nachdenklich: Wir müssten ihr etwas anbieten, dass sie noch nicht besitzt.

Johannes: Da ist guter Rat teuer.

Berta, mit einem freudigen Aufschrei: Ich hab’s!

Johannes, neugierig: Ja?

Berta, eifrig: Sag, haben wir Gold?

Johannes: Du meinst, der Prinz?

Berta: Wer auch immer. Der Schatzmeister, der Prinz, unser Königreich.

Johannes: In den Kellergewölben ist das Gold gelagert.

Berta: Darfst du darüber verfügen?

Johannes: Ich nicht, doch der Prinz.

Berta: Dann habe ich vielleicht einen Plan. Also zuerst musst du...

Berta und Johannes stecken die Köpfe zusammen. Sie tuscheln und kichern und klopfen sich auf die Schultern. Irgendwann taucht Martha, die Küchenmagd, auf und serviert den beiden frische Schokoladenkekse und schenkt Tee nach. Wir verlassen für eine Weile die beiden Ränke schmiedenden, dienstbeflissenen Dienstboten.

Episode 6

Wir befinden uns im Park des Schlosses. Es scheint Sommer zu sein, die Luft flirrt in der Hitze, Libellen schwirren über dem Wasser eines Seerosenteiches, daneben steht eine Blumenwiese in voller Blüte, Grillen zirpen. Der Prinz liegt im Halbschatten eines lockeren Espenwäldchens auf einer Chaiselongue in der Nähe des Wassers. Da wandeln die Märchenerzählerin und Sabine With auf einem der Kieswege herbei.

Sabine With, etwas verwirrt: Dünkt es mich nur, oder ist hier tatsächlich Sommer?

Märchenerzählerin, schaut sich um: Ja, es scheint Sommer zu sein.

Sabine With: Schaut mal, da ist doch der Prinz? Aber was ist nur los? Er sieht bleich aus, und ausgezehrt, irgendwie.

Märchenerzählerin: Doch er lächelt.

Sabine With, mit einer Verbeugung: Guten Tag, werter Prinz.

Prinz, lächelnd: Guten Tag meine Dame. Wie heisst ihr denn?

Sabine With: Ich bin Sabine With und das ist die...

Prinz, lächelnd: Oh, die Märchenerzählerin kenne ich gut. Sie hat mir in meiner Kindheit viele, viele spannende Geschichten und Märchen erzählt.

Sabine With, mitfühlend: Entschuldigt meine Neugierde, doch sagt: Fehlt Euch etwas?

Prinz, lächelnd: Ja mir fehlt etwas, da habt ihr richtig geraten.

Sabine With: Ihr seid krank? Zumal seht ihr sehr krank aus.

Prinz, geheimnisvoll lächelnd: Ich bin krank und doch nicht, mir fehlt etwas und doch nicht.

Sabine With: Ihr sprecht in Rätseln.

Prinz, mit einer einladenden Geste: Setzt euch doch, leistet mir Gesellschaft. Mein Kammerdiener wird euch Wein und Brot holen. Vielleicht auch ein Stückchen Käse?

Sabine With: Ihr seid zu gütig, Eure Durchlaucht.

Prinz, mit einem Lächeln: Das ist bei uns so üblich, dass man die Gäste reichlich bewirtet.

Wie von Zauberhand eilen Bedienstete herbei, bringen zwei, drei Tischchen, Geschirr, Gläser, Körbchen mit kleinen, frischen, fein duftenden Brötchen, Teller mit verschiedensten Käsesorten und zwei Flaschen dunkelroten Weins. Ein Diener schenkt den Wein ein, reicht Brot und Käse und zieht sich wieder zurück.

Prinz: So, liebe Frau With, ihr habt Recht, ich habe in Rätseln gesprochen. Nun, vor einiger Zeit ist mein Leben durcheinandergeraten. Ihr müsst wissen, vorher war alles irgendwie geregelt, verlief in festen Bahnen. Scheinbar, nur scheinbar. Gedankenverloren: Alles ist Schall und Rauch.

Sabine With: Ja, ich weiss, Euer Vater ist gestorben, und das hat Euer Leben sicherlich...

Prinz: Nein, nein, das war es nicht. Nach dem Tod meines Vaters stand mir ja der getreue Johannes zur Seite, als wäre ich sein leibhafter Sohn. Nein, mein Leben, oder besser noch: mein Schicksal war festgefügt. Doch im Nachhinein, nun, wenn ich jetzt zurückblicke, da muss ich feststellen, nein, nein, da muss ich lachen, herzlich lachen, vor allem über mich selbst, weil, nun weil alles, einfach alles Illusion war!

Sabine With, schaut in fragend an: Ihr sprecht nach wie vor in Rätseln!

Prinz, lächelnd: Ja, ich weiss, es muss verwirrend sein. Nun hört: Ich bin ein Prinz, und weil ich keine Geschwister habe – meine Mutter ist früh verstorben – so ist seit jeher klar, dass ich einmal König hätte werden sollen.

Sabine With: Warum «hätte» und «sollen». Warum der Konjunktiv?

Prinz, lächelnd: Weil nun alles in Frage gestellt ist. Doch zuerst: Mein Vater starb, ich war bereit, mich ausbilden zu lassen. Ich habe unter der Leitung des treuen Johannes fleissig gelernt. Es war vorgesehen, diesen Sommer ein grosses Fest stattfinden zu lassen. Ich hätte offiziell als König eingesetzt werden sollen und gleichzeitig... Die Bediensteten haben bereits begonnen, die Tanzsäle zu putzen und zu schmücken, die Sekretäre haben bereits die Einladungen entworfen, die Ratsleute haben eine Liste aller wichtigsten Königreiche weit und breit erstellt... Ach!

Sabine With: Was ist geschehen?

Prinz, lächelnd: Etwas ganz und gar Unmögliches ist geschehen. Ich sah ein Bildnis. Wunderschön.

Sabine With, eifrig: Ein Bild einer Frau?

Prinz, wehmütig: Nicht einfach irgendeiner Frau!

Sabine With: Ihr habt Euch wegen eines Bildnisses verliebt?

Prinz, lächelnd: Ja. Sie ist so schön, müsst ihr wissen, überirdisch schön. Und anmutig...

Sabine With: Und deshalb wirkt Ihr so krank und ausgezehrt, weil Ihr Euch nach Ihr verzehrt?

Prinz, lächelnd: Ich weiss, es ist völlig verrückt. Aber es stimmt. Ich bin krank vor Liebe.

Sabine With: Und wisst Ihr denn, wer die Schöne ist?

Prinz, wehmütig: Leider ja.

Sabine With: Warum leider? Ihr könntet sie ja fragen, ob sie Euch... oder wohnt sie denn zu weit weg?

Prinz: Ja und nein. Sie wohnt einige Tagesreisen von hier entfernt. Das ist nicht das Problem.

Sabine With, eifrig: Sie ist bereits verheiratet?

Prinz: Das nicht, nein.

Sabine With: Was hindert Euch denn daran, sie zu freien?

Prinz, mit einem Ausruf: Sie ist unerreichbar!

Sabine With: Ich verstehe nicht, eben erst habt Ihr gesagt, sie wohne einige Tagesreisen von hier entfernt? Eine solche Reise sollte sich doch machen lassen!

Prinz, lächelnd: Im übertragenen Sinn ist sie unerreichbar. Sie empfängt keine Freier.

Sabine With: Das verstehe ich ebenso wenig.

Prinz, wehmütig: Sie ist unermesslich reich, hat einfach alles, was sie braucht und noch viel mehr. Aber vor allem: Sie genügt sich selbst.

Sabine With, bissig: Dann hätte sie in ein Kloster gehen sollen.

Prinz: Was mich aber am meisten verstört, ist das Bildnis.

Sabine With: Das müsst Ihr mir erklären!

Prinz: Zum einen steht es in einer verborgenen Kammer. Ich sollte es eigentlich nie zu Gesicht bekommen. Ich kann mir nun einfach nicht erklären, wie mein weiser Vater um die Macht dieses Bildnisses wusste und es doch nicht entfernen oder gar zerstören liess. Als hätte er genau gewusst, dass ich es doch noch zu Gesicht bekommen würde. Als wäre all das bereits irgendwie eingefädelt worden. Gedankenverloren: Mein Zuhause war meine feste Burg. Unerschütterlich. Und mitten in dieser Festung der Sicherheit steht ein Zimmer in Flammen...

Sabine With, verwirrt: Jetzt verwirrt Ihr mich!

Prinz, lächelnd: Das war nur eine Metapher. Nichts brennt wirklich, nur mein Herz ist in Flammen aufgegangen. Das hätte nicht geschehen dürfen, aber es wurde auch nicht wirklich verhindert.

Sabine With: Irgendwie verstehe ich, was Ihr meint. Es ist scheint ein unlösbarer Widerspruch zu sein. Eigentlich erinnert es mich an jene Märchen, wo der Propagandist ein Zimmer nicht betreten darf und genau dort liegt sein Pech und sein Glück.

Prinz, zur Märchenerzählerin: Und ihr, liebe Märchenerzählerin, denkt ihr auch so?

Märchenerzählerin, gedankenverloren: Oh, ja, es erscheint durchaus wie in einem Märchen...

Sabine With, zum Prinzen: Ihr sagtet vorhin «zum einen», gibt es demzufolge noch etwas anderes?

Prinz: Ach ja, das geht mir auch nicht aus dem Sinn: Die Prinzessin auf dem Bild erscheint so schön, so jung, so hold. Doch ich frage mich immerzu: Könnte es ein Trugbild sein? Eine Fata Morgana? Was ist, wenn das Bildnis schon seit Jahren, oder schlimmer noch, Jahrzehnten, dort steht? Dann ist die Prinzessin möglicherweise nicht mehr jung und verführerisch schön, sondern höchstwahrscheinlich bereits alt und grau. Darum ist mein eigener Zustand höchst absurd und bizarr.

Sabine With: Also, wenn ich nun alles zusammenfasse: Das Bildnis wurde versteckt, aber so, dass Ihr es finden würdet. Ihr seid verliebt in die darauf abgebildete schöne Prinzessin, die jedoch auch alt und hässlich sein könnte. Die Prinzessin ist zwar real erreichbar, empfängt aber keine möglichen Freier? Ob all der Ungereimtheiten wurdet ihr krank und konntet kaum noch essen und trotzdem lächelt ihr unentwegt?

Prinz, lächelnd: Ihr habt es erfasst. Mir sind die Hände gebunden. Ich bin quasi gezwungen, nichts zu tun, sozusagen oder wortwörtlich, es bleibt mir nichts, als gelassen zu sein. Deshalb das Lächeln. Ich habe mein Schicksal aus der Hand gegeben.

Sabine With, nachdenklich: Ja, ihr wirkt gelassen, abgeklärt, doch es bekommt Euch nicht gut.

Prinz, lächelnd: Oh, meine Liebe, ich sehe schon tausendmal besser aus, also noch vor ein, zwei Wochen. Damals hättet ihr mich kaum mehr erkannt!

Sabine With: Und weshalb die Änderung?

Prinz, lächelnd: Einsicht.

Sabine With: Oder Resignation?

Prinz, lächelnd: Ihr hinterfragt wohl alles, meine Liebe?

Sabine With: Das ist mein Job, hinter die Dinge zu sehen. Ich bin Journalistin. Ich muss immerzu nachhaken und nachfragen.

Prinz, lächelnd: Zu eurer Frage: Zuerst war ich verzweifelt, ja das war ich, dann resigniert und als ich einsah, dass alles so ist, wie es eben ist, oder vielleicht gar so sein muss, wie es ist, da wurde mir sehr viel leichter.

Sabine With, nachdenklich: Ihr habt... irgendwie... losgelassen. Das scheint mir nun wirklich märchenhaft: Wenn der Märchenheld oder die Märchenheldin ein Rätsel oder eine Aufgabe nicht zu lösen vermag, vielleicht zuerst sogar weint, dann schläft, dann lösen sich seine Probleme wie von alleine.

Märchenerzählerin: Oder freundliche Helfer kommen und lösen die Probleme!

Prinz: Eure Worte in Gottes Ohr!

Sabine With: Oder in diejenigen Johannes und Bertas! Seht doch, sie nähern sich uns und scheinen wohlgemut und fröhlich zu sein!

Episode 7

Wir befinden uns wiederum im Schlosshof. Die Märchenerzählerin steht auf einem der Wege und sieht sich verwirrt um, die Ärmste. Der alte Mann, der sonst immer die Wege wischt oder die Rosen pflegt, diese je nachdem aufbindet, düngt oder zurückschneidet, legt seine Schere aus der Hand und nähert sich der Märchenerzählerin.

Alter Mann: Meine Liebe, du siehst etwas verwirrt aus? Geht es dir gut?

Märchenerzählerin, verwirrt: Ich fühle mich tatsächlich etwas konfus. Eben erst war ich mit Sabine With beim Prinzen und nun... bin ich in einem ganz anderen Teil der Parkanlage.

Alter Mann: Ja, dann bist du in der Tat ein bisschen durcheinander. Der Prinz mit Gefolge ist längst auf dem Schiff!

Märchenerzählerin: Auf dem Schiff? Welchem Schiff denn?

Alter Mann, mitfühlend: Komm setz dich. Brauchst du eine Stärkung? Etwas Wein, etwas Kuchen oder Kekse?

Märchenerzählerin, verwirrt: Kuchen, Kekse, Wein? Ich habe doch eben erst gegessen. Aber du hast Recht, ich fühle mich sehr hungrig.

Da erscheint – wie üblich wie von Zauberhand – nicht etwa Berta, nein, die gehört zum innersten Kreis der Dienerschaft, begleitet den Prinzen bei seiner Reise und ist deshalb längst auf dem Schiff und sicher bereits mitten auf dem Meer, nein, deshalb erscheint nicht sie, sondern Martha, ihre rechte Hand und Assistentin, und stellt die mitgebrachten Leckereien auf ein Tischchen.

Martha, dienstbeflissen: Ich habe euch Wein und Käseküchlein mitgebracht. Ihr müsst hungrig sein.

Der alte Mann nimmt eines der herzhaften Küchlein und reicht es der Märchenerzählerin hin.

Alter Mann: So stärke dich und erzähl mir dann, was du noch weisst.

Märchenerzählerin: Was ich weiss? Nicht viel, fürchte ich. Der Prinz war kränklich, oder schien es zu sein. Er... ja, er schien sich irgendwie damit abgefunden haben, dass er wohl die Prinzessin auf dem Bild niemals würde freien können. Oder ist... äh, war seine Haltung fatalistisch?

Alter Mann, sein Weinglas erhebend: Wollen wir anstossen?

Märchenerzählerin: Anstossen? Worauf?

Alter Mann: Auf unsere Gesundheit? Auf das Gelingen der Mission?

Märchenerzählerin: Die Mission?

Alter Mann: Du Ärmste, erinnerst dich an gar nichts mehr?

Märchenerzählerin, gedankenverloren: Nur dass irgendwie Berta und Johannes ganz fröhlich waren und ich mir gefragt habe, nein, ich weiss nicht einmal mehr, was ich gedacht habe.

Alter Mann: Stossen wir an! Auf das Märchen!

Märchenerzählerin, nachdem sie einen Schluck getrunken hat: Ah, das tut gut! Doch sag mir, ist jetzt Märchenzeit?

Alter Mann: Du meinst, ob das Märchen begonnen hat?

Märchenerzählerin: Ja?

Alter Mann, nachdenklich: Jetzt, wo du danach fragst, ja da frage ich mich auch. Denn eigentlich führst doch du Regie, oder etwa nicht? Grüblerisch: Im Grunde genommen fehlt mir bereits dein Prolog auf dem Hof. Bevor du ein Märchen zu erzählen beginnst, stellst du dich doch vor. Du bist dabei immer im Hof. Meist blüht der Apfelbaum. Du sagst, du seist die Märchenerzählerin, und erklärst uns, wie du hin und her überlegt hättest, welche Geschichte du für uns auswählen würdest. Und so weiter. Manchmal tauchen die Figuren des Märchens auf und bitten dich um eine ganz bestimmte Geschichte und du gehst auf ihre Vorschläge ein oder eben nicht. Das gehört natürlich bereits zum Märchen, das ist klar. Oft geht es dann weiter wie im Galopp, doch den Plot, den bestimmst du, auch wenn es ab und zu scheint, als würde die Figuren autonom handeln. Ihre Autonomie lässt du zu oder beschränkst sie, je nachdem.

Märchenerzählerin, nachdenklich: Genau! Du hast Recht! Der Prolog! Ich hatte mir ja nicht einmal überlegt, welches Märchen ich erzählen möchte. Ich habe nicht zu erzählen begonnen. Alles hat sich nur so ergeben, irgendwie, aber keine Sekunde hatte ich das Gefühl, die Fäden in der Hand zu halten. Im Gegenteil: Eigentlich fühle ich mich herumgeschuppst, übergangen, als wäre ich selbst einer der Märchenfiguren.

Alter Mann: Und wenn du es einfach hinnehmen, dich gelassen zurücklehnen würdest?

Märchenerzählerin, aufgebracht: Das ist nicht mein Job. Ich muss erzählen...

Alter Mann: Vielleicht geht es darum, dass du einmal einfach loslässt?

Märchenerzählerin, wütend: Ich loslassen?

Alter Mann, ruhig: Genau. Vielleicht könntest du sogar das Zuschauen und Zurücklehnen geniessen? Und vertrauen?

Märchenerzählerin, immer noch aufgebracht: Vertrauen? Du spinnst wohl! Wem denn soll ich bitte sehr vertrauen und warum?

Alter Mann, gelassen: Dem Schicksal beispielsweise? Dass dieses nicht von dir geführte Märchen ein gutes Ende nimmt?

Märchenerzählerin: Papperlapapp! Ich gebe doch die Fäden dieser Geschichte nicht einfach aus der Hand.

Alter Mann, leise: Das hast du vielleicht längst.

Märchenerzählerin, gedankenvoll: Dir würde ich vertrauen. Und Berta, der Köchin. Ihr seid meine Freunde. Doch darauf vertrauen, dass eine Geschichte, die eigentlich meine sein sollte, einfach so gut zu Ende geht? Heftig den Kopf schüttelnd: Nein!

Alter Mann: Komm, wechseln wir das Thema: Apropos Geschichte: Lass mich dir doch einfach berichten, was bisher alles geschah!

Märchenerzählerin: Ja, tue das.

Alter Mann: Nun denn: Berta und der treue Johannes haben einen ganz teuflischen Plan ausgeheckt!

Märchenerzählerin: Teuflisch?

Alter Mann: Einen verteufelt guten!

Märchenerzählerin: Ja und, mach es nicht so spannend! Erzähle!

Alter Mann: Die sagenhafte Prinzessin besitzt doch bereits alles, und empfängt keine Freier, das ist dir bekannt.

Märchenerzählerin: Ja, das ist mir bekannt.

Alter Mann: Nun, der Plan sieht so aus: Der Prinz besitzt fünf Tonnen Gold...

Märchenerzählerin: Oh!

Alter Mann: Ja, eine Tonne Gold scheint sehr viel zu sein. Aber tatsächlich hätte eine Tonne Gold in einer Schublade Platz.

Märchenerzählerin: Oh?

Alter Mann, grüblerisch: Gold hat ein spezifisches Gewicht von rund neunzehn Kilogramm. Das heisst: ein Liter Gold wiegt rund neunzehn Kilogramm. Jetzt musst du nur noch eintausend Kilogramm durch neunzehn teilen und du erhältst ungefähr das Volumen einer Tonne. Also rund zweiundfünfzig Liter. Wenn du eine Schublade hättest mit einer Höhe von fünfzehn Zentimetern, dann müsste die Schublade eine Breite und Länge von rund sechzig Zentimetern haben. Okay, die ist ein wenig gross, besser wären zwei... Ach, lass mich einfach weitererzählen: Die besten und geschicktesten Goldschmiede des Königreichs wurden gerufen und bekamen den Auftrag, allerlei Zierrat zu schmieden. Alles Dinge, von denen man annimmt, dass die Prinzessin davon nichts besitzt!

Märchenerzählerin, stutzig: Wie soll das gehen? Sie besitzt doch bereits alles?

Wir verlassen die beiden, lassen den alten Mann, der übrigens gar noch nicht so alt ist, höchstens sechzig, und gut schaut er aus, richtig gut: Hochgewachsen ist er, mit breiten Schultern. Faszinierend graue Augen blitzen in einem von der Sonne gebräuntem Gesicht. Oh, jetzt bin ich abgeschweift. Nun denn, wir lassen den sogenannt alten Mann weiter berichten und fabulieren, lassen die beiden diskutieren und sich streiten. Immerhin hat die Märchenerzählerin richtig bemerkt, dass nicht sie die Fäden spinnt, wie üblich, sondern... Aber nein, wer, wie, warum spielt keine Rolle, eigentlich.

Ja, wir verlassen sie und werfen einen kurzen Blick ins Schiff. Es ist nämlich höchste Zeit, uns dorthin zu begeben, dass Schiff hat nämlich bereits im Hafen angelegt und es herrscht grosse Betriebsamkeit und Aufregung. Seid ihr einverstanden? Ihr da draussen, die ihr diese Geschichte bis anhin verfolgt habt?

Episode 8

Ich hab’s euch ja vorhin oder gestern versprochen, also Hellseherin bin ich nicht, ihr dürft also wählen, was auf euch zutrifft. Nun denn, werfen wir einen Blick ins Innere des Schiffes, das, wenn ihr euch erinnert, gestern im Hafen angelegt hat (oder heute, spielt keine so grosse Rolle). Nanu, der Johannes hat ja ganz vornehme Kaufmannskleidung an. Ebenso der Prinz. Berta wuselt mit einem Staubtuch in den Händen herum. Was wohl hier los ist?

Berta: Ich würde das Äffchen nehmen!

Johannes: Ich nehme das Äffchen und... Johannes schaut sich um: ...und die Rose.

Berta: Ja, die Rose ist wunderbar gearbeitet. All die filigranen Blütenblätter! Das ist eine gute Wahl. Doch es muss noch etwas Drittes dabei sein.

Prinz, zögernd: Ihr habt nun ein Tier, eine Pflanze, das Dritte müsste etwas ganz anderes sein.

Berta: Vielleicht ein goldenes Spiegelchen?

Johannes: Oder das Miniaturabbild der Prinzessin?

Prinz, zögerlich: Ich würde die Brosche wählen, die wie eine strahlende Sonne ausschaut.

Johannes: Gut, ich nehme die Brosche mit.

Berta: Ich habe dir ein Tüchlein hier, darin kannst du die Ware einwickeln.

Johannes, entschlossen: Gut, dann geh ich mal. Mein Prinz, Ihr wartet unterdessen.

Prinz: Soll ich nicht doch mitkommen?

Johannes: Nein, Ihr seid zu hübsch und zu jung. Wenn unser Coup gelingen soll, dann muss ich gehen. Ich sehe keinesfalls aus...

Prinz, geschwind: Ja, ich weiss es ja. Ich sehe aus wie ein Freier und die Prinzessin würde möglicherweise Lunte riechen.

Johannes, umherblickend: Falls mir das Glück hold ist, werde ich die Prinzessin mitbringen. Hier muss alles ordentlich und sauber sein...

Berta: Nun geh doch schon. Ich bin bereits daran alles zu wischen, zu putzen und zu polieren. Bis du zurück bist, wird das Schiff geschmückt sein, die hübschen, goldenen Zierrate werde ich akkurat aufgestellt haben, damit die Prinzessin sie angucken kann. Du wirst sehen, es wird alles funkeln und glänzen... Strahlend: ...und eine helle Freude sein.

Johannes: Danke dir, meine Liebe.

Berta, mitfühlend: Ich wünsche dir alles Glück der Welt!

Wohl oder übel müssen wir mitten in dieser Episode den Schauplatz wechseln, und zwar zu einem anderen Schlosshof: Dieser hier besitzt eine goldene Bank und den obligaten Apfelbaum, an dem hierzulande goldene Äpfel hängen, obwohl die Landschaft drum herum kein bisschen herbstlich aussieht. Ein goldener Brunnen steht auf der Wiese im Hof, ein schönes Mädchen steht vor dem Brunnen und schöpft mit goldenen Eimern Wasser. Es will soeben das blinkende Wasser forttragen, da kommt der treue Johannes durch das Schlosstor geschritten. Just in diesem Augenblick dreht sich das schöne Mädchen um und erblickt Johannes.

Madeleine: Wer seid ihr, Fremder?

Johannes: Ich bin ein Kaufmann. Schau her, was ich in meinem Tüchlein bei mir trage.

Madeleine, überrascht: Ach, welch niedliches Goldzeug!

Madeleine stellt die beiden Eimer hin.

Johannes: Ja, ja, schaut euch das Zeug nur genau an.

Madeleine: Darf ich es anfassen?

Johannes: Ja, freilich, schöne Maid!

Madeleine: Ihr dürft mich Madeleine nennen.

Johannes: Sehr erfreut. Und ich heisse Johannes.

Madeleine, die goldenen Zierrate aus dem Tüchlein nehmend: Das ist süss, dieses Äffchen. Und diese Rose! So fein gearbeitet! Und diese Brosche! Wunderhübsch! Kommt, das muss die Prinzessin sehen! Die hat so grosse Freude an Goldsachen, die wird euch alles abkaufen. Ihr müsst wissen, ich bin die Kammerjungfer der Prinzessin. Ich kenne sie gut und sie wird euch empfangen! Zumal ihr nicht mehr der Jüngste seid!

Johannes: Oh, ihr scheint so jung, ich dachte nicht...

Madeleine, lachend: Ja, niemand denkt, dass ich bereits Kammerjungfer bin. Aber ihr dürft mich weiterhin duzen, ich bin tatsächlich noch sehr jung.

Johannes: Danke dir, vielen Dank. Jetzt musst du mir nur noch erklären, warum es gut ist, dass ich nicht mehr ganz jung bin.

Madeleine: Och, meine Herrin empfängt keine jungen Schnösel. Die verlieben sich allesamt in sie. Ihr müsst wissen: Die Prinzessin ist überaus schön! Es gab in der Vergangenheit viele scheussliche Szenen mit aufdringlichen Freiern.

Johannes: Sie müsste sich verheiraten, dann ist sie sicher.

Madeleine: Das will sie nicht. Fragt mich nicht warum! Es ist selbst für mich unverständlich. Ich meine, ich kenne sie doch ziemlich gut. Ich selbst würde sofort heiraten, wenn ich denn alt genug dazu bin und einen Freier hätte.

Johannes: Daran wird es gewiss nicht mangeln.

Madeleine: Och, etwas habe ich euch noch nicht verraten: Die Dienstboten hier sind ausnahmslos Frauen. So grosse Auswahl an jungen Burschen gibt es deshalb nicht. Eigentlich praktisch keine.

Johannes, erschrocken: Dann lebt ihr hier wie in einem Kloster?

Madeleine, lachend: Oh, nein! Das ist ein Missverständnis: Die meisten der Frauen sind verheiratet.

Johannes: Dann sind sicher einige auch Mütter?

Madeleine, lachend: Bis auf wenige Ausnahmen sind alle verheirateten Dienstbotinnen Mütter.

Johannes: Aber dann müsste doch ab und zu auch ein Bursche hier aufkreuzen und dir den Hof machen?

Madeleine: Ihr meint, einer der Söhne? Oh, ich muss euch enttäuschen. Wenn die jungen Burschen alt genug sind, machen sie eine Lehre oder studieren, aber hier im Schloss werden nur Mädchen ausgebildet.

Johannes: Ach, jetzt verstehe ich!

Madeleine, Johannes bei der Hand nehmend: Nun kommt schon. Ich möchte euch jetzt der Prinzessin vorstellen!

Es tut mir leid, liebe Leserinnen und Leser, oder seid ihr Zuhörende? Es geht noch nicht weiter. Nicht sofort zumindest. Hört oder lest selbst, die Märchenerzählerin und Sabine With melden sich aus dem Off. Ich kann sie nicht daran hindern.

Sabine With aus dem Off, verblüfft: Das Mädchen, wow, dieses Mädchen!

Märchenerzählerin aus dem Off, fröhlich: Erfrischend!

Sabine With, freudig: Ich bin so was von froh!

Märchenerzählerin: Ja, mir fällt auch ein Stein vom Herzen!

Sabine With: Sie ist so offen, so zugänglich, so kontaktfreudig!

Märchenerzählerin: So naiv neugierig oder nein, nicht neugierig, sie ist... sie ist schlichtweg interessiert an Neuem, Unbekannten!

Sabine With: Habt ihr eine psychologische Deutung?

Märchenerzählerin, erstaunt: Ihr meint?

Sabine With: Erinnert ihr euch nicht? Letztes Jahr zur selben Zeit? Ihr habt mir einige Märchenfiguren psychologisch erklärt!

Märchenerzählerin: Ach ja! Ach das!

Sabine With: Und?

Märchenerzählerin, nachdenklich: Nun ich würde sagen, Madeleine ist ein Teil der Psyche der Prinzessin. Der offene, kontaktfreudige, ich würde beinahe sagen: der kindliche, unschuldige Aspekt der Prinzessin.

Sabine With, frohgemut: Diese Madeleine – sie korrigiert mein Bild der Prinzessin erheblich. Nun bin ich auf die Prinzessin wirklich sehr, sehr gespannt. Wir kennen sie ja nur von ihrem Abbild her. Diesem prunkvollen, reich verzierten und mit Gold und Edelsteinen geschmückten Bildnis.

Episode 9

Wir befinden uns in den königlichen Gemächern der Prinzessin auf dem goldenen Dach. Diese steht in ihrem Boudoir – für alle, die keine Ahnung haben, was das ist: Heute würden wir diesen als Ankleideraum bezeichnen – nun sie steht dort vor einem Spiegel und betrachtet sich selbst. Wen denn sonst?

Prinzessin, sich betrachtend: Ich bin schön. Ich bin schön und nicht einfach nur hübsch. Ich bin hochgewachsen und schlank. Habe wundervoll golden glänzendes und wallendes Haar. Ich habe einen ebenmässigen, königlichen Teint. Keine Unreinheit, kein Pickel verunstaltet mich. Oh, manchmal beneide ich Madeleine, meine junge Kammerzofe! Sie kann es sich erlauben, gerötete Wangen zu haben, oder einen kleinen Pickel auf der Stirn, eine kleine vorwitzig Locke, die sie mit der Hand aus dem Gesicht streift. Meine Haut produziert keine Unreinheiten, mein Haar liegt immer perfekt. Und ich besitze alles. Einfach alles. Ich bin wunschlos glücklich. Und doch: Manchmal wünschte ich, mir fehlte etwas, irgendetwas, etwas Kleines, Geringes, würde mir ja bereits genügen. Doch es ist nicht möglich, weil ich ja bereits alles besitze. Nicht nur Materielles. Ich bin intelligent, sprachgewandt, beherrsche sieben Instrumente, bin sehr belesen. Ach, ich wünschte mir ein einziges Buch, das ich noch nicht kenne! Eine einzige Geschichte, dir mir nicht vertraut ist! Ein einziges Märchen, das mir noch nicht erzählt wurde, und in dessen zauberhafte Welt ich mich ganz verlieren könnte, eine Geschichte, von der ich überrascht würde. Oh, manchmal ist es beinahe ein Fluch, alles zu haben! Oh, ich höre Stimmen. Ah, Madeleine bringt wohl das Wasser. Doch mit wem spricht sie? Ist das etwa ein Mann?

Da tritt Madeleine Hand in Hand mit Johannes in die Gemächer, und verbeugt sich adrett.

Madeleine, mit einem Knicks: Meine liebste Herrin!

Prinzessin: Du weisst doch, du brauchst mich nicht so förmlich anzusprechen.

Madeleine, fröhlich: Ich bringe euch einen Gast, Prinzessin.

Johannes, mit einer galanten Verbeugung, und den Hut ziehend: Prinzessin, Durchlaucht!

Madeleine, erklärend: Er ist ein Kaufmann und... na ja, wie soll ich sagen? ...was er zu verkaufen hat, wird Euch bestimmt gefallen!

Prinzessin, lächelnd: Willkommen mein Herr. Nun, zeigt mir eure Ware.

Johannes öffnet das Tüchlein.

Prinzessin, mit einem Aufschrei: Ein goldenes Äffchen? Eine goldene Rose und... oh, mein Gott, ihr überrascht mich, Kaufmann: Ein goldenes Schmuckstück in Form einer winzigen, strahlenden Sonne, darin ein klitzekleiner Saphir! Oh, wie allerliebst, wie wunderhübsch und wunderschön gearbeitet! Ich kaufe euch alles ab. Sagt mir den Preis, ich bitte euch!

Johannes: Prinzessin! Verzeiht mir! Ich bin nur der Diener eines reichen Kaufmanns, der mit dem Schiff im Hafen angelegt hat. Und ich sage Euch: Diese wenigen Kostbarkeiten sind ein Nichts im Vergleich zu dem, was mein Herr, auf seinem Schiff hat. Die goldenen Zierrate und Kostbarkeiten, die auf dem Schiff lagern, sind wohl das Köstlichste und Künstlichste, das je aus Gold gefertigt worden ist.

Prinzessin, vergnügt: Ihr beliebt zu scherzen? Nun denn, so bringt mir einfach alles, was ihr habt ins Schloss. Ich möchte alles sehen!

Johannes, mit einer Verbeugung: Das ist unmöglich, Prinzessin!

Prinzessin, vergnügt: Dann wird Madeleine mit euch kommen und euch beim Tragen helfen.

Johannes, mit einer Verbeugung: Verzeiht, es ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wir müssten viele Tage lang hin und her marschieren, so gross ist die Menge der Kostbarkeiten. Und verzeiht: Ich denke nicht, dass Ihr in Eurem Schloss genügend Säle habt, um all die Zierrate aufzustellen!

Prinzessin, vergnügt: Oh, jetzt macht ihr mich aber wirklich neugierig! Wisst ihr was: Dann führt mich zu eurem Schiff. Ich werde selbst hingehen und die Schätze deines Herren betrachten. Zu Madeleine gewandt: Du kommst natürlich mit, meine Liebe!

Madeleine, fröhlich: Oh, vielen Dank Prinzessin! Ich werde Euch beim Ankleiden helfen und dann lassen wir die Kutsche holen!

Johannes, mit einer Verbeugung: Ich danke Euch, meine Damen. Ich werde derweil draussen im Hof auf Euch warten und Euch danach den Weg zum Schiff zeigen.

Sabine With aus dem Off: Sie ist wirklich aussergewöhnlich schön, die Prinzessin.

Märchenerzählerin, schwärmerisch: Märchenhaft schön.

Sabine With: Mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich sieht, sich selbst eingestehen kann, dass sie schön ist. ... ohne...

Märchenerzählerin: Ja, ohne überheblich zu sein...

Sabine With: Oder eingebildet. Oh, ich war total verwundert.

Märchenerzählerin: Sie scheint schlichtweg ehrlich und authentisch zu sein!

Sabine With: Und aussergewöhnlich fröhlich! Überhaupt ist die Stimmung zwischen der Kammerzofe und der Prinzessin...

Märchenerzählerin: Ich weiss, was ihr sagen wollt: So herzlich, so frohgemut... so natürlich... als wären sie Schwestern...

Sabine With: Beinahe beneide ich die beiden...

Ihr nervt, meine Damen. Ihr müsst nicht alles kommentieren!

Sabine With: Oh, ich habe nicht gewusst...

Märchenerzählerin, ungehalten: Wir konnten nicht wissen, dass uns irgendwer zuhört!

Sabine With, empört: Wir haben uns doch nur unterhalten!

Episode 10

Wir befinden uns unter Deck des Schiffes. Berta und die Dienstboten, die mit dem Prinzen und Johannes unterwegs sind, haben die Räumlichkeiten auf Hochglanz gebracht, die Wände mit edlen, nachtblauen Stoffen und Vorhängen verhüllt, und all die goldenen Kleinode auf mit dunkelrotem Satinstoff drapierten Regalen ausgestellt. Es glänzt, glitzert und funkelt, dass es eine reine Freude ist. Der Prinz, in stilvollem Kaufmannsgewand, geht auf und ab.

Berta: Ihr seid aufgeregt, mein Prinz?

Prinz: Ich? Ja, oh, ja! Ich bin aufgeregt und fühle mich zwiespältig.

Berta, mitfühlend: Zwiespältig? Erklärt Euch, mein Junge.

Prinz: Es gibt so vieles, dass noch schiefgehen könnte.

Berta, sanft: Woran denkt Ihr?

Prinz: Nun, die Prinzessin könnte hässlich und alt sein.

Berta: Alt ist nicht immer gleich hässlich.

Prinz: Oh, entschuldigt, meine Liebe. Ich meinte natürlich: Zu alt für mich.

Berta: Was wäre daran schlimm?

Prinz: Ich weiss es nicht, nicht genau.

Berta: Na kommt schon, Ihr müsst Euren Gedanken und Gefühlen nachgehen, sonst bleibt Ihr in Wirrnis und Irrnis stecken.

Prinz: Du hast Recht, liebe Berta. Zögernd: Falls sie... für mich zu alt ist oder ich sie aus einem anderen Grund nicht attraktiv finde, dann würde meine Liebe einem Phantom gegolten haben...

Berta: Ja und?

Prinz: Oder weiterhin gelten. Ich meine... ach! Es ist so schwierig, meine Gefühle in Worte zu fassen!

Berta, ermutigend: Es sind nicht nur Gefühle, es sind auch Ängste!

Prinz: Was, wenn ich mein Leben lang nach einem Ebenbild des Bildnisses suchen würde? Ein Ebenbild, das zu finden unmöglich wäre? Dann...

Berta, ermutigend: Ja?

Prinz: Dann wäre ich für die Ehe verloren!

Berta: Das wäre Energieverschwendung. Zumal es viele hübsche und gescheite Prinzessinnen gibt.

Prinz: Was aber, wenn sie so schön wäre, wie auf dem Bildnis? Ich meine schön und jung und attraktiv?

Berta, fragend: Das wäre nicht gut?

Prinz, mit einem Ausruf: Ach Berta!

Berta, fragend: Ja?

Prinz: Ich fühle mich so verwirrt! Meine Gedanken überschlagen sich an dieser Stelle, verwickeln sich ... ich möchte, aber kann sie nicht entwirren.

Berta, bestimmt: Dann ordnet sie!

Prinz: Wenn das so leicht wäre!

Berta: Versucht es zumindest!

Prinz: Zum einen: Vielleicht gelingt die List, die wir uns ausgedacht haben, ja gar nicht erst und sie bleibt im Schloss, kommt nicht aufs Schiff.

Berta: Zum anderen?

Prinz: Zum anderen: Sie kommt hierher, weist mich jedoch ab.

Berta: Was wäre dann schlimm?

Prinz, versonnen: Ich würde mein Leben lang von ihr träumen...

Berta: Entschuldigt meine Ehrlichkeit: Aber dann wärt Ihr ein Tölpel!

Prinz: Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit... andere Möglichkeiten...

Berta, fragend: Die da wären?

Prinz: Ihr wisst, was geschehen ist, nachdem ich ihr Bildnis gesehen habe?

Berta: Ja, das weiss ich wohl. Ihr wurdet ohnmächtig!

Prinz: Wenn ich nun...

Berta, mitfühlsam: Ihr meint, wenn ihr bei ihrem Anblick ohnmächtig würdet?

Prinz: Ja.

Berta: Na und?

Prinz, zerknirscht: Ich würde mich lächerlich machen...

Berta: Ja, was noch? Ihr seht aus, als ob Ihr weitere Kümmernisse hättet!

Prinz: Es könnte noch viel, viel schlimmer sein! Was, wenn ich ihren Anblick gar nicht, ich meine niemals, ertragen könnte? Wenn ich immerzu in Ohnmacht fallen würde?

Berta: Falls nicht?

Prinz: Alles gelingt, aber ich...

Berta, fragend und mitfühlend: Ja? Was wäre mit Euch?

Prinz, zögernd: Wenn ich sie...

Berta, fragend: Ja?

Prinz, gibt sich einen Ruck: Die ganze Zeit habe ich ein Abbild, ein Hirngespinst geliebt. Vielleicht gilt meine Liebe nur diesem irrealen Bild und nicht einer Frau aus Fleisch und Blut?

Berta: Alles, was Ihr beschrieben habt, könnte eintreffen. Doch wäre irgendetwas schlimm, ich meine wirklich tragisch?

Prinz, mit einem Ausruf: Alles! Alles wäre schlimm!

Berta: Ich weiss, wie es ist, sich Gedanken zu machen. Man dreht sich dann immerzu im Kreis. Doch vielleicht könnt Ihr einfach vertrauen.

Prinz: Vertrauen?

Berta: Ja! Lehnt Euch in Gedanken zurück. Betrachtet, was Ihr da vor mir und Euch an Überlegungen ausgebreitet habt.

Prinz: Ja?

Berta: Wie fühlt Ihr Euch?

Prinz: Ruhiger, irgendwie.

Berta: Seht Ihr? Auch in den verzwicktesten Momenten könnt Ihr Euch einen Überblick über Eure Gedanken, Gefühle und Ängste verschaffen und so einen Moment der Ruhe und Gelassenheit herbeiführen.

Prinz, träumerisch: Eine der vielen Möglichkeiten habe ich noch gar nicht erwähnt...

Berta: Ich weiss! Davor habt Ihr vielleicht die grösste Angst.

Prinz, leise: Habe ich Angst, dass meine Träume wahr werden? Habe ich wirklich Angst davor, nichts mehr zu erträumen?

Da hören wir unverhofft eine Kutsche heranfahren und anhalten, dann Gekicher, Tritte oben über den hölzernen Schiffsplanken, Stimmen, eine männliche und zwei weibliche, und jetzt .... Nein, für heute ist Schluss!

Episode 11

Wir befinden uns nach wie vor unter Deck in den auf Hochglanz geputzten und geschmückten Räumen, in welchen all die aus Gold gefertigten Zierrate aufgestellt sind. Da kommt der sichtlich hoch erfreute Johannes die Treppe herunter, hinter ihm erscheint die Prinzessin auf dem goldenen Dach, geführt von ihrer Kammerjungfer, Madeleine. Der Prinz, als Kaufmann verkleidet, hält den Atem an, macht dann einen Schritt nach vorne, um die Prinzessin zu begrüssen.

Prinz, mit einer Verbeugung: Ich begrüsse Euch, edle Prinzessin! Seid willkommen in meinem bescheidenen Schiff.

Prinzessin: Ja, euer Diener hat mich wahrlich sehr neugierig gemacht.

Die Prinzessin schaut sich um, sie lacht vor lauter Freude, und geht dann von Regal zu Regal und besieht sich die Kostbarkeiten.

Prinz, zu sich selbst: Sie ist so schön, viel schöner als auf dem Abbild. Mein Herz klopft wie verrückt, ich habe das Gefühl, es müsste gleich zerspringen. Oh, wie soll ich sie nur herumführen, wenn mein Mund doch so trocken ist, dass ich kaum noch sprechen kann? Durchatmen, durchatmen, so sagte mir meine Nanny jeweils, wenn ich aufgeregt war.

Prinz, zur Prinzessin: Ich führe Euch gerne herum und zeige Euch alles.

Prinzessin, freudig: Ja, tut das. Zeigt mir alles!

Prinzessin, zu sich selbst: Dies Goldzeug ist unglaublich schön, so überaus fein gearbeitet. Eine Augenweide!

Und während nun der Prinz, alias Kaufmann, der schönen Prinzessin jedes einzelne der goldgefertigten Gebilde vorzeigt, goldene Schüsseln, Näpfe, Becher, allerlei Vögel, Wild, wunderliche Tiere, und so weiter und so fort, da steigt der treue Johannes geschwind und heimlich nach oben auf Deck und befiehlt dem Steuermann, das Schiff sachte, ganz sachte abzustossen, damit ja kein Ruck das Schiff erschüttere, und das Ablegen unbemerkt bleibe. Dann soll der Steuermann alle Segel setzen, damit, und das ist wörtlich so verbrieft «das Schiff wie ein Vogel in der Luft dahinfliegt». Und so gleitet derzeit das Schiff über das spiegelglatte Wasser, denn die Meerjungfrauen sind dem Prinzen hold: Obwohl eine steife Brise weht, so halten sie die Wellen im Zaun. Derweil führt der Prinz die Prinzessin weiterhin im Bauch des Schiffes herum und zeigt ihr all die vielen, goldenen Zierrate. Auch Berta ist nicht untätig geblieben und – es tut mir aufrichtig leid, für alle, die gerade auf Diät sind und dies nun lesen müssen – nun, die gute Berta serviert mit Kurt, dem Küchenjungen, anmutige Häppchen wie Lachsbrötchen, Käsesablés, Schinkenkipferl und vieles, vieles mehr, dazu hellen, sprudelnden Wein, wir würden ihn heute wohl Champagner nennen. Offensichtlich mundet es allen, die Prinzessin wird durch das sprudelnde Getränk noch ein bisschen fröhlicher, desgleichen ihre Kammerzofe, die gute, jetzt ein wenig übermütige Madeleine, die doch tatsächlich mit Kurt schäkert. Auch die Prinzessin wirft ab und zu einen verschmitzten Blick auf den Prinzen, alias Kaufmann.

Prinzessin, zu sich selber: Er ist ein stattlicher, schöner, vornehmer Mann. Zudem versteht er und etwas von seinem Handwerk, nicht nur die Präsentation seiner Ware, nein, er weiss sogar im Detail, wie sie angefertigt worden ist.

Prinzessin, zum Prinzen: Wie seid ihr eigentlich darauf gekommen, ausgerechnet mir eure Ware anzubieten?

Prinz, mit einem Lächeln: Ihr seid bekannt für Euren auserlesenen Geschmack, Prinzessin.

Prinzessin, schelmisch: Ach, bin ich das? Dann hättet ihr auch Kenntnis haben müssen, dass ich eigentlich nichts mehr dazukaufe...

Prinz, mit einer kleinen Verbeugung: Oh, ja, das wurde mir auch gesagt: Ihr hättet bereits alles!

Prinzessin, scherzhaft: Und es ist euch trotzdem gelungen, mich neugierig zu machen?

Prinz, wiederum mit einer galanten Verbeugung: Ja, ich habe mich umgehört und die besten aller Goldschmiede und Goldschmiedinnen kommen lassen.

Prinzessin, beschwingt: Oh, das Gold stammt von euch? Die Ware gehört wirklich euch, ihr habt sie nicht in Kommission?

Prinz, galant: Nein, ich habe sie gekauft! Sie gehört mir. Sie wurde auf meine Anweisungen hin angefertigt Und wer weiss – er zeigt auf all die vielen in den Regalen präsentierten Kleinode – vielleicht wird das eine oder andere den Weg in Euer Schloss finden?

Prinzessin, nachdenklich: Ihr seid wahrhaft ein grosses Risiko eingegangen. Mit einem spitzbübischen Lächeln: Doch seid gewiss, ich werde euch so einiges abkaufen. Doch zeigt mir noch die wunderlichen Tiere, dann habe ich vermutlich alles gesehen.

Berta, zur Prinzessin: Darf ich Euch noch eine weitere Erfrischung anbieten?

Prinzessin, beschwing: Oh, ja, das darfst du! Sie sind überaus köstlich, deine Häppchen und der Wein ist... beschwingend. Wahrlich! Ich bin froh, dass du nicht meine Köchin bist, ich wäre längst dick und unansehnlich geworden.

Prinz, scherzhaft: Oh, das ist ganz und gar unmöglich. Ihr und unansehnlich. Ihr beliebt wohl zu scherzen! Doch kommt, ich zeige Euch die wunderlichsten Fabeltiere, die Ihr wohl je gesehen habt.

Für heute verlassen wir die illustre Gesellschaft, lassen die Prinzessin, die nach wie vor nicht die geringste Ahnung hat, dass das Schiff fährt und sie sich bereits mitten im Meer befinden, ein wenig länger freudig umherwandeln, ab und zu dem vermeintlichen Kaufmann Anweisungen geben, welche der Kostbarkeiten er ihr gleichentags zustellen soll, denn es stimmt, was Johannes ihr gesagt hat: Der Kostbarkeiten sind so viele, unmöglich, diese in ihrem Schloss unterzubringen. Ja, sie erwägt bereits, einen separaten Anbau, einen neuen Schlosstrakt bauen zu lassen, eine Art Museum, dann könnte sie sich mehr der hübschen Dinge aneignen. Zu erwähnen wäre vielleicht noch Madeleine, die mit Bedauern bemerkt, wie der Nachmittag fortschreitet, wie es sicherlich bald schon Zeit ist, um Adieu zu sagen. Am liebsten hätte sie noch viel länger mit dem hübschen Küchenburschen kokettieren mögen. Doch zunächst wird die gute Berta sich nochmals selbst übertreffen und mit einigen auserlesen süssen Köstlichkeiten aufwarten. Das tut sie vor allem für den Prinzen. Wenn alle wohl gesättigt und zufrieden sind, so hat sie sich überlegt, wird der Schock für die Prinzessin vielleicht ein wenig abgemildert. Denn ein Schock wird es sein, wenn die Prinzessin denn merkt, dass sie mit einer List entführt worden ist...

Episode 12

Eigentlich müsste dieser Teil der Geschichte – zumindest für die Prinzessin und zumindest vorübergehend – der dreizehnte sein, also nicht Episode zwölf, sofern die Prinzessin abergläubisch sein sollte. Denn für die Prinzessin nimmt der Tag gleich eine unverhoffte Wende, von ihrer Euphorie über all die goldenen Kostbarkeiten wird schon bald nichts mehr zu spüren sein. Wir befinden uns ja nach wie vor auf dem Schiff mitten im Meer. Die Segel sind alle gespannt, der Wind weht steif und das Schiff eilt pfeilschnell dahin. Es ist später Nachmittag und soeben steigt die Prinzessin überglücklich die Treppe hinauf aufs Deck, denn sie möchte nun heim ins Schloss, um all die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen.

Prinzessin, zu Madeleine, ihrer Kammerjungfer: Heute war mein Glückstag! So eine unermessliche Auswahl an goldenen Geräten, Kleinoden und Schmuckstücken! Niemals hätte ich mir diese Vielfalt an Kostbarkeiten vorstellen können! Einige der Kleinode habe ich bereits ausgewählt, sie werden mir noch heute ins Schloss geliefert. Fröhlich: Weisst du was, meine Liebe? Ich frage den Kaufmann, ob er morgen noch hier stationiert ist, dann kommen wir nochmals hierher und wählen in Ruhe aus, welche der goldenen Prachtstücke wir uns zusätzlich anschaffen möchten. Generös: Du darfst dir dann auch ein kleines Kleinod auswählen, ich schenke es dir!

Doch Madeleine kommt nicht mehr zu Wort. Sie wollte eigentlich erwidern, dass es auch für sie ein wunderschöner Glückstag gewesen und die Aussicht, Kurt, den Küchenburschen des noblen Kaufmanns, nochmals zu treffen, Glücks genug sei, mehr als sie jemals erwartet hätte. Aber eben, sie kommt nicht mehr zu Wort, denn die Prinzessin ist nun oben angekommen, schaut um sich, stellt fest, dass das Schiff, in dessen Bauch sie mehr als vier Stunden weilte, nicht wie erwartet im sicheren Hafen vertäut ist, sondern auf dem offenen Meer dahineilt.

Prinzessin, schockiert: Was ist hier los? Wo sind wir? Was geht hier vor?

Madeleine, ebenfalls erschrocken: Wir sind mitten auf dem Meer. Kein Land ist in Sicht, weit und breit nicht!

Prinzessin, aufgewühlt: Ich bin entführt worden. Mit List! Ich bin übertölpelt und hereingelegt worden. Oh mein Gott, oh mein Gott! Was soll nur werden?

Madeleine, kleinlaut: Wir müssten vielleicht den Kaufmann fragen... ob er uns wieder nach Hause bringt!

Prinzessin, aufgebracht: Ha! Du bist naiv, meine liebe Madeleine, so naiv! Wir wurden entführt! Wir wurden betrogen! Uns wurde Gewalt angetan! Laut rufend: Kaufmann! Kommt sofort her, ich habe etwas mit euch zu besprechen.

Prinz, erhobenen Hauptes: Prinzessin!

Prinzessin, wütend: Wie könnt ihr es wagen, mich hinterrücks zu entführen? Ich befehle euch: Kehrt sofort um, bringt uns augenblicklich nach Hause!

Prinz, mit einer Verbeugung: Darf ich mich Euch erklären, Werteste?

Prinzessin, schnippisch: Was gibt es hier zu erklären? Die Fakten sind eindeutig: Ihr habt mich aufs Übelste betrogen! Ihr habt, ihr habt...

Prinz, mit einer Verbeugung: Ihr habt Recht, wenn Ihr so aufgebracht seid...

Prinzessin, wütend: Sagte ich doch!

Prinz, ruhig: Doch ich habe zur List gegriffen, weil ich mich in Euch verliebt habe!

Prinzessin, wütend: Ha, das haben schon viele, ich meine, schon viele haben sich in mich verliebt. Aber entführt hat mich noch keiner deswegen. Ich sage es euch zum letzten Mal: Fahrt mich zurück!

Prinz, höflich: Als ich Euer Bildnis sah, bin ich in Ohnmacht gefallen und in übergrosser Liebe zu Euch entbrannt!

Prinzessin, wütend: Oh, das soll euer schändliches Tun etwa entschuldigen?

Prinz, zerknirscht: Nein, entschuldigen müsst Ihr nichts.

Prinzessin, erleichtert: Dann sind wir uns einig: Fahrt mich zurück!

Prinz, zerknirscht: Kann ich Euch denn nicht bitten...

Prinzessin, schnippisch: Du meinst, du feiger Halunke, ich lasse mich auf ein Techtelmechtel mit einem Kaufmann ein? Ich bin nur wegen deiner goldenen Kleinode hier und nicht wegen dir. Die Liebe ist also ganz und gar einseitig! Also los. Bring mich zurück! Sofort!

Prinz, demütig: Gebt uns doch ein wenig Zeit! Vielleicht werdet Ihr mich dereinst lieben?

Prinzessin, bissig: Einen Kaufmann? Du bist ja verrückt! Lieber wollte ich sterben. Also los, bring mich zurück!

Prinz, nobel: Oh, ein Kaufmann bin ich nicht. Das gehörte zur List. Ich bin ein Prinz und werde demnächst zum König geweiht. Ich bin so edlen Geblüts wie Ihr, mein Edle.

Prinzessin, hämisch: Du sollst ein Prinz sein? Vorher warst du noch ein Kaufmann und jetzt ein Prinz? Nein, nein, du versuchst du mir sicherlich erneut einen Bären aufzubinden. Du bist kein Prinz. Basta.

Prinz: Bin ich sehr wohl. Seht diesen Siegelring hier, dieser weist mich als Königsohn aus.

Prinzessin, schnippisch: Was, hältst du mich für blöd? Jeder gewandte Goldschmied kann einen Siegelring nachschmieden. Und dass dir die Goldschmiede gewogen sind, nun, das hast du mir ja heute genug bewiesen.

Prinz, nobel: Ich bin ein Prinz. Lasst mich Euch in meine Heimat bringen, dann könnt Ihr Euch mit eigenen Augen überzeugen! Vertraut mir!

Prinzessin, bissig: Papperlapapp! Ich dir vertrauen? Wie nur sollte ich dir vertrauen, nachdem du mich mehrere Stunden im Glauben liessest, ich wäre hier, um dir etwas abzukaufen, derweil du mich entführt hast. Du bist ein Halunke und kein Prinz!

Prinz, mit einer Verbeugung: Bitte! Ich bin ein Prinz und mir gehört ein grosses Königreich... und mit einer Geste: Und all das Gold gehört mir.

Prinzessin, zweifelnd: Du hast wahrlich viel Gold. Viel mehr, als ein Kaufmann für gewöhnlich zu Eigen hat...

Prinz, mit einer edlen Verbeugung: Ihr dürft mir vertrauen. Doch jetzt lade ich Euch zu einem königlichen Gastmahl ein. Bitte folgt mir, ich möchte Euch zuerst noch Eure königliche Schlafkammer zeigen, damit Ihr Euch frisch machen könnt, danach geleitet Euch Eure Kammerzofe in den Speisesaal?

Prinzessin, ein wenig versöhnlicher: Nun gut, heute Abend lässt sich eh nichts mehr ändern. Dann nächtigen wir hier und sehen morgen weiter.

Prinz, mit einer Verbeugung: Ihr beglückt mich sehr!

Prinzessin, leise zu Madeleine: Zumindest scheint er wirklich ein Prinz zu sein. Ein reicher, edler, höflicher Prinz.

Sabine With aus dem Off, flüsternd: Dürfen wir sprechen?

Märchenerzählerin aus dem Off: Wie meint ihr das?

Sabine With aus dem Off: Ich frage mich, ob sie uns zuhört.

Märchenerzählerin aus dem Off: Sie?

Sabine With aus dem Off: Sie, die Chronistin, die uns letzthin gerügt hat.

Märchenerzählerin aus dem Off: Ah, diese sie! Ach, wisst ihr was? Sie hätte sich längst vernehmen lassen, wenn sie uns hören würde. Was wolltet ihr mir denn mitteilen?

Sabine With aus dem Off: Das ging so schnell!

Märchenerzählerin aus dem Off: Ihr meint, die Prinzessin habe ein bisschen zu abrupt eingewilligt, auf dem Schiff zu bleiben?

Sabine With aus dem Off: Ganz genau. Zuerst war sich doch so wütend und plötzlich... diese unverhoffte Wende.

Märchenerzählerin aus dem Off: Ich war zuerst auch erstaunt, aber bedenkt: Sie ist bestimmt müde, nach den vielen Stunden Gegenstand, um Gegenstand zu betrachten...

Sabine With aus dem Off, lachend: Und sie habe einiges hinter die Binde gekippt, die Prinzessin und Madeleine.

Märchenerzählerin aus dem Off: Ja, sie waren wahrlich dem sprudelnden Wein sehr zugetan.

Genug der Worte! Geht nach Hause, husch, husch. Für heute ist genug!

Märchenerzählerin und Sabine With aus dem Off: Meint sie uns?

Zwischenspiel im Himmel

Gott zum Teufel: Nun, hast du gesehen, wie der treue Johannes ohne zagen und wanken seiner Treue treu geblieben und nun dem Prinzen treu ergeben ist?

Teufel: Ja, zum Teufel! Und die List, welche der treue Johannes mit der Berta ausgeheckt hat, um die Prinzessin zu kapern, diese List war wirklich verteufelt gut! Hast du da etwa deine Hände im Spiel gehabt?

Gott: Oh, nein. Die Liebe fällt hin, wo sie will. Sie ist göttlich auch ohne mein Zutun. Aber meinen Segen haben die beiden.

Teufel: Wie langweilig! Darf ich den Johannes nicht noch einmal auf die Probe stellen und seine Treue prüfen?

Gott: Tue, was du nicht lassen kannst!

Da ging der Teufel hin und stellte den Johannes auf die Probe.

Episode 14

Ich möchte mich an dieser Stelle für die kurze Episode von gestern entschuldigen. Da hat mir doch jemand ins Handwerk gepfuscht und mich ganz hinterlistig ausgetrickst. Nun machen wir umso geschwinder vorwärts und überspringen einige Tage: Der Prinz mit Entourage und die Prinzessin mit ihrer Kammerjungfer befinden sich nach wie vor auf dem Schiff, das in Windeseile über das Meer nach Hause gleitet. Die Prinzessin hat sich ganz gut eingewöhnt, ist dem Prinzen inzwischen sehr zugeneigt, und Madeleine, ihre Zofe amüsiert sich bestens.

Da, eine wehmütige Melodie ertönt. Es ist Johannes, der sich vorn auf dem Schiff befindet und Laute spielt. Berta nähert sich ihm und hört eine Weile zu.

Johannes: Nun, meine Liebe, gefällt dir das Leben auf dem Meer?

Berta: Ja und nein.

Johannes: Ja?

Berta: Mir gefällt die Ruhe hier...

Johannes, scherzend: Die ich mit meinem Gedudel gestört habe?

Berta: Oh, nein! Ich höre dir gerne zu! Zu Hause, auf dem Schloss, da hast du irgendwie...

Johannes: Ja, ja, ich weiss: viel zu wenig Zeit zum Musizieren!

Berta: Ja, genau. Das ist schade, wirklich schade. Meinst du, das wird sich nun ändern?

Johannes, vieldeutig: Wegen der Prinzessin?

Berta: Ja, genau, das meine ich: Du warst dem Prinzen ein wundervoller Lehrer und Berater, es gibt nichts, worin du ihn noch unterrichten könntest...

Johannes: Ja, das denke ich auch. Falls...

Berta: Ja, genau: Falls die Prinzessin seine Gemahlin wird. Dann hast du alles erfüllt, das du seinem Vater versprochen hast. Du hast sogar einiges mehr erreicht, als sein Vater von dir je verlangt hätte.

Johannes: Denkst du wirklich, unsere Mission ist gelungen?

Berta, bestätigend und freudig nickend: Oh, ja!

Johannes: Ja?

Berta: Der Prinz wird ihr heute Abend einen Antrag machen!

Johannes: Wie kannst du dir nur so sicher sein?

Berta, verschmitzt: Ich habe eine gute Beobachtungsgabe! Lächelnd: Nein, nicht nur: Der Prinz hat ein besonderes Menu gewünscht und dazu einen ganz speziellen, kostbaren Wein.

Johannes, mit einem erleichterten Seufzer: Das ist gut, das ist sehr gut! Und mit einem Lachen: Liebe Berta, wir müssen heute Abend auf unsere gelungene Mission anstossen!

Berta, entsetzt: Oh, ich muss zurück in die Küche! Das Abendbrot! Die Verlobungsfeier!

Und so bleibt Johannes zurück, nimmt seine Laute und spielt weiter. Eine wehmütige Melodie erklingt, dann eine tänzerische, danach eine schwermütige, dunkle in Moll.

Johannes, innehaltend, zu sich selber: Was ist nur los mit mir. Ich sollte mich doch freuen? Doch eine rechte Freude will sich einfach nicht einstellen. Was ist bloss los mit mir? Die Mission ist gelungen, der Prinz führt die Prinzessin nach Hause. Meine grosse Verantwortung bin ich los. Berta wird mit mir heute Abend anstossen. Ebenfalls ein Grund zur Freude. Versonnen: Künftig werde ich viel mehr Zeit für die Musik haben... und für Berta. Warum nur ist mir so weh ums Herz?

Er spielt eine melancholische Weise, bis er drei Raben erblickt, die daherfliegen, krächzen, rufen, lamentieren. Johannes hält erneut inne und horcht, denn er versteht die Sprache der Raben sehr wohl.

Erster Rabe: Ei, da führt er die Königstochter vom goldenen Dache heim!

Zweiter Rabe: Ja, aber er hat sie noch nicht.

Dritter Rabe: Er hat sie doch, sie sitzt beim ihm im Schiffe.

Erster Rabe: Was hilft ihm das! Wenn sie ankommen, wird ihm ein fuchsrotes Pferd entgegenspringen, da wird es sich aufschwingen wollen und tut er das, so sprengt es mit ihm fort und in die Luft hinein, dass er nimmer mehr seine Jungfrau wiedersieht!

Zweiter Rabe: Ist gar keine Rettung möglich?

Dritter Rabe: Oh, ja, wenn ein anderer als der Prinz schnell aufsitzt, das Feuergewehr, das in den Halftern stecken muss, herausnimmt und das Pferd damit totschiesst, so ist der junge König gerettet. Aber wer weiss das schon? Und wer‘s weiss und sagt‘s ihm, der wird zu Stein von den Fusszehen bis zum Knie.

Zweite Rabe: Ich weiss noch mehr: selbst wenn das Pferd auch getötet wird, so behält der junge König doch nicht seine Braut. Wenn sie nämlich zusammen ins Schloss kommen, so liegt dort ein gemachtes Brauthemd in einer Schüssel und sieht so aus, als wär‘s von Gold und Silber gewebt, ist aber nichts als Schwegel und Pech. Wenn er‘s antut, verbrennt es ihn bis auf Mark und Knochen.

Dritter Rabe: Ist denn gar keine Rettung möglich?

Zweiter Rabe: Oh, ja, wenn einer mit Handschuhen das Hemd packt und wirf es ins Feuer, dass es verbrennt, so ist der junge König gerettet. Aber was hilft‘s? Wer‘s weiss und es ihm sagt, der wird halbes Leibes Stein, vom Knie bis zum Herzen.

Dritter Rabe: Ich weiss noch mehr: selbst wenn das Brauthemd auch verbrannt wird, so hat der junge König seine Braut noch nicht. Wenn nach der Hochzeit der Tanz anhebt und die junge Königin tanzt, wird sie plötzlich erbleichen und wie tot hinfallen. Und hebt sie nicht einer auf und zieht aus ihrer rechten Brust drei Tropfen Blut und speit sie wieder aus, so stirbt sie. Aber verrät das einer, der es weiss, so wird er ganzes Leibes zu Stein, vom Wirbel bis zur Fusszehe.

Kaum haben die drei Raben fertig gesprochen, fliegen sie auch schon weiter. Der treue Johannes ist starr vor Schrecken und kreidebleich.

Johannes: Wehe, wehe, wehe mir! Herr im Himmel was soll nun nur werden?

Und beginnt bitterlich zu weinen.

Episode 15

Am liebsten würde ich diese Szene ins Nirgendwo setzen. Beispielsweise in eine Oase inmitten einer weiten Sandwüste. Alle wären da, ich meine, alle, denen wir bisher begegnet sind. Sie wandeln herum, geniessen die Ruhe, lauschen dem leisen Rascheln der Palmblätter. Besser noch, das Nirgendwo wäre eine Bühne. Eine ganz und gar kahle Bühne, die im Dunkeln liegt. Der Scheinwerfer beleuchtet immer nur gerade einen oder zwei Personen. Johannes beispielsweise, oder Berta. Johannes, versteinert und Berta mitfühlend. Aber ich kann die Geschichte nicht ändern. Wir befinden uns nach wie vor auf dem Schiff. Es dämmert bereits und am Horizont tauchen graue, schwere Wolken auf. Auch der Wind hat aufgefrischt und kleine, weisse Schaumkrönchen bilden sich auf den Spitzen der Wellen. Johannes steht starr, mit gesenktem Haupt, seine Laute ist ihm entglitten. Da nähert sich Berta.

Berta, zu Johannes: Du Ärmster!

Johannes, schweigt und schüttelt den Kopf.

Berta, leise: Sag nichts. Ich weiss es. Ich weiss alles.

Johannes, bestürzt: Wie? Was?

Berta, beschwichtigend: Pst, du musst nichts erklären. Ich sah die Raben fortfliegen. Mit einem tiefen Atemzug: Ich habe es schon lange geahnt.

Johannes, fragend: Ja?

Berta, nachdenklich: Du musst wissen, meine Grossmutter hat mir oft die unglaubliche Geschichte der Prinzessin vom goldenen Dach erzählt. Es war ein Märchen, nichts weiter, so glaubte ich zumindest. Die Grossmutter machte, wenn sie das Märchen fertig erzählt hatte, immer ein rätselhaftes Gesicht und flüsterte mir zu: Erzähle diese Geschichte niemandem, sie ist ein Geheimnis. Sie würde dir Unglück bringen. Manchmal fragte ich sie: Warum bringt sie dir kein Unglück, da sie du doch mir erzählst? Dann lächelte sie weise und schüttelte den Kopf.

Johannes, verzagt: Ich fühle mich hin und her gerissen.

Berta: Das verstehe ich gut. Du würdest am liebsten ganz weit weg gehen, allem entfliehen, doch zugleich möchtest du das Glück der frisch Verlobten schützen.

Johannes, bekümmert: So ist es.

Berta: Du weisst nicht, was du tun sollst?

Johannes: Ja, ich weiss es nicht. Oder vielmehr doch, ich weiss es, ich weiss, was ich tun müsste, was ich vielleicht sogar tun werde, möchte aber mein Schicksal abwenden können. Einen Zaubertrank trinken und alles war nur ein böser Traum...

Berta, bitter: Ist es aber nicht.

Johannes, mutlos: Ich hatte andere Pläne!

Berta, mitfühlend: Ja, ich weiss.

Johannes: Ach Berta!

Berta: Ach Johannes. Ich wünschte, du hättest die Vögel nicht verstanden! Ich wünschte, dieser Weg würde dir erspart! Das musst du mir glauben, das wünschte ich dir von Herzen!

Johannes, deprimiert: Ach hätte ich doch die Laute nicht gespielt!

Berta: Ach Johannes! Wir können unserem Schicksal nicht entfliehen.

Johannes: Darum ist die Entscheidung so schwerwiegend. Das Schicksal...

Berta, bitter: Ja, das Schicksal der frisch Verlobten liegt in deinen Händen.

Johannes: Wortwörtlich. Aber sag doch, wenn du die Geschichte doch kennst: weisst du denn, was jetzt geschehen wird?

Berta, grübelnd: Nein, nein, nicht genau, keine Details. Ich weiss lediglich, dass dir schwere, sehr schwere Prüfungen bevorstehen und du nichts zu niemanden davon sagen darfst.

Johannes: Das, was zu tun ist, wird niemand verstehen.

Berta: Oh, ja, das ist das wahrhaftig Schwierige daran.

Johannes: Ich werde mir womöglich Feinde machen.

Berta: Du darfst dich nicht rechtfertigen, niemals!

Johannes: Und du? Gilt das auch für dich?

Berta: Wenn ich etwas sagen würde, würde mich der Fluch treffen und nicht dich.

Johannes, mit rauer Stimme: Nein, das darf nicht geschehen. Du musst schweigen, ich bitte dich innständig!

Berta: Ja, werde ich. Aber du musst wissen, dass es mir schwerfallen wird.

Johannes, bedrückt: Weisst du denn, wie die Geschichte ausgeht?

Berta, leise lächelnd: Du weisst doch, wie es so schön heisst: Ende gut, alles gut.

Johannes, hoffnungsvoll: Du glaubst das wirklich?

Berta, mit einem Seufzer: Ich muss wohl!

Johannes, verzagt: Du bist dir nicht sicher.

Berta, leise: Es hat keinen Sinn, jetzt zu verzagen.

Johannes: Ich würde lieber in Eintracht und Frieden... und in Ruhe leben.

Berta, leise: Ich weiss, ich weiss.

Johannes, nachdenklich: Ich sollte einfach vertrauen... dann...

Berta, fragend: Ja?

Johannes, gibt sich einen Ruck: Ich tue, was ich tun muss.

Berta, bestätigend: Du hast dich entschieden!

Johannes: Ja, habe ich.

Berta: Dann lass uns hinein gehen. Wir wollen den letzten Abend auf dem Schiff ausgiebig geniessen.

Johannes ergreift Berta ganz sachte am Arm und führt sie hinein. Da fallen auch schon die ersten Tropfen auf die Schiffsplanken. Ein greller Blitz beleuchtet das plötzlich aufgewühlte Meer und der Donner kracht.

Episode 16

Oh je! Oh je, oh je! Die Märchenerzählerin pfuscht mir in mein Metier! Ich muss mich fügen, leider. Wenn sie ihre Stimme erhebt, dann steht alles still. Ich stehe still, meine Art zu erzählen stockt, die Geschichte springt oder wiederholt sich, wie eine alte, analoge Langspielplatte, die einen Sprung hat und die Nadel bleibt in der Rille, wo sie ist und bleibt und bleibt und bleibt.

Okay. Ich muss noch erklären, wo wir uns gerade befinden. Erraten? Im Schlosshof des Märchenschlosses. Der Apfelbaum trägt erst kleine, grüne Früchtchen. Es ist später Sommer. Die Rosen, ja die Rosen blühen unentwegt. Rosafarbene, weisse, gelbe, blaue. Der alte Mann ist eine Konstante hier im Schloss. Entweder schneidet er die Rosen, bindet sie hinauf, düngst sie oder wischt die Wege. Die Märchenerzählerin? Ach die! Die steht vor dem Apfelbaum und scheint ein wenig verdattert, würde ich sagen.

Märchenerzählerin, verdattert: Wo, wie, was?

Der alte Mann, auf sie zugehend: Meine Liebe. Was ist mit dir?

Märchenerzählerin: Ich weiss nicht. Soeben war ich noch auf hoher See.

Alter Mann: Hoher See? Auf dem Meer?

Märchenerzählerin: Auf dem Schiff. Es gab einen fürchterlichen Sturm, glaube ich. Blitze und Donnergrollen unentwegt. Wellen, so hoch wie Bäume! Oh, habe ich geschlafen? Habe ich etwa alles nur geträumt?

Alter Mann, mitfühlend: Wo bist du aufgewacht?

Märchenerzählerin: Das ist ja das eigenartige: Hier!

Alter Mann, den Kopf schüttelnd: Hier? Auf dieser Bank unter dem Apfelbaum? Ich habe dich vorhin, als ich vorbei ging, nicht gesehen.

Märchenerzählerin, sich auf die Bank setzend: Nein. Nicht auf der Bank. Ich bin gerade eben erwacht. Als wäre ich... oh mein Gott. Wie geht es Johannes?

Alter Mann: Nun dem geht es gut.

Märchenerzählerin, mit einem Seufzer: Dann ist alles gut!

Alter Mann: Nun das habe ich nicht behauptet!

Märchenerzählerin: Sag bitte nicht, dass die Geschichte weitergegangen ist, als ich vermeintlich geschlafen habe.

Alter Mann, mit einem Seufzer: Vermutlich ja.

Märchenerzählerin: Das Schiff ist gelandet und der Prinz...

Alter Mann: Ja. Dann ist etwas Fürchterliches geschehen!

Märchenerzählerin: Dann sind die Brautleute hier eingetroffen und...

Alter Mann: Ja. Es ist noch etwas Fürchterliches geschehen.

Märchenerzählerin: Ich glaub es ja nicht. Es ist dreist, unprofessionell und kein bisschen kreativ.

Alter Mann: Sprichst du in Rätseln?

Märchenerzählerin, laut rufend und nach oben schauend: Hallo? Hallo du? Antwortest du bitte?

Redest du etwa mit mir?

Märchenerzählerin: Wenn du die bist, dir mir sämtliche Fäden aus der Hand nimmt und selber eine Geschichte damit spinnt, ja, dann meine ich dich, dann spreche ich mit dir!

Was hast du denn zu bemäkeln?

Märchenerzählerin: Was ich zu bemäkeln habe? Vieles!

Werde konkreter. Ich kann keine Gedanken lesen!

Märchenerzählerin, in Rage: Nein, kannst du nicht? Dann beginnen wir doch einmal ganz einfach: Die wievielte Episode ist heute?

Zählen kann ich selber!

Märchenerzählerin: Die sechszehnte, du..., du...

Sag nur blöde Kuh, das liegt dir auf der Zunge!

Märchenerzählerin: Nein, Kuh wollte ich nicht sagen! Wage es ja mir Dinge in den Mund zu legen, die ich nicht...

Komm zum Punkt!

Märchenerzählerin: Du hast von Fabulieren, keine Ahnung! Kein bisschen!

Ja? Tadelst du mich etwa?

Märchenerzählerin: Beleidigt musst du nicht sein. Aber wie willst du die noch verbleibenden Episoden füllen, wenn du in rasendem Tempo durch das Märchen eilst?

Es gibt doch noch so vieles zu erzählen!

Märchenerzählerin: Du hast dich im Tempo vertan. Und überhaupt: Hast du in den letzten Jahren von mir nichts gelernt?

Ha, dass du oft viele verschiedene Märchen vermischst?

Märchenerzählerin: Es geht nicht ums Vermischen, sondern um Nebenhandlungen, die dann mit der Haupthandlung interagieren.

Soll ich etwa Schneeweisschen und Rosenrot erscheinen lassen? Oder gar den Jäger aus Schneewittchen? Meinst du so was?

Märchenerzählerin: Ich würde es nicht so formulieren. Aber so in etwa meine ich das.

Das ist nicht mein Ding.

Märchenerzählerin: Aber solche Darbietungen machen die Geschichte erst so schön farbig, lebendig, interessant!

Dann erzähl doch du, du eingebildete Gans, du!

Märchenerzählerin, mit einem fröhlich entspannten Seufzer: Nun denn.

Wir befinden uns in einem märchenhaften Wald. Er ist weder düster noch besonders licht, einfach grad so, wie ein Wald sein soll. Mit Weiss- und Rottannen, Buchen und Eichen und ab und zu einer Espe. Da reitet ein Jäger frohgemut des Weges auf einem fuchsroten Gaul. Am Zaumzeug hängt ein Feuergewehr.

Jäger, singend: Ein Jäger längs des Weihers ging, lauf Jäger lauf, die Dämmerung den Wald umfing. Lauf Jäger, lauf Jäger... Ho, mein guter Gaul, ho. Da wartet jemand auf dem Weg.

Teufel, im Gewand eines Bettlers: Mein guter Jäger. Habt Erbarmen. Gebt mir ein Geldstück, damit ich mir etwas Warmes zu essen kaufen kann!

Jäger, steigt vom Gaul: Hier hast du einen Golddukaten.

Bettler, mit einer Verbeugung: Vielen Dank, mein Jäger!

Jäger: Nichts zu danken. Heute ist mein Glückstag!

Bettler, listig: Dein Glückstag?

Jäger: Ja ich beobachte seit geraumer Zeit einen weissen Hirsch, der stets am späten Nachmittag auf der Waldlichtung dort neben dem Weiher äst. Heute will ich ihn schiessen.

Bettler, listig: Warum gerade heute?

Jäger: Im Königshaus steht ein grosses Fest bevor. Drum werde ich das zarte Fleisch des Hirsches Martha, der Vorsteherin der Küche, verkaufen. Ah, und auch das kostbare Geweih werde ich im Schloss los. Es wird einer der Wände des Jagdsaals schmücken.

Bettler: Ach, so. Du machst das des Geldes wegen!

Jäger, vehement: Nein, auf keinen Fall. Es macht mir Freude, draussen im Wald zu weilen und die Tiere zu beobachten.

Bettler: Und sie zu schiessen.

Jäger: Das gehört dazu. Doch viel wichtiger ist das Ambiente.

Bettler: Ambiente? Im Wald?

Jäger, schwärmerisch: Ja, genau. Beispielsweise das Licht...

Bettler, ihn unterbrechend: Ich weiss dir einen besseren und leichteren Verdienst!

Jäger, misstrauisch: Welchen denn?

Bettler, heuchlerisch: Du hast einen wunderschönen Gaul!

Jäger, voller Stolz: Ja, er ist mein Ein und Alles! Und er ist einmalig schön, da hast du Recht.

Bettler, listig: Das Schiff des Prinzen sollte in einer Stunde im Hafen eintreffen. Stell ihm doch deinen Gaul zur Verfügung, damit er mit seiner Braut darauf heimreiten kann.

Jäger, misstrauisch: Woher weisst du das?

Bettler: Oh, ich komme viel herum und spreche mit vielen Leuten. Gestern ist das Schnellboot des Prinzen eingetroffen mit der Mitteilung, dass eben heute, also bald, das Königsschiff eintrifft mit der Braut an Bord.

Jäger: Und du meinst, der König möchte auf meinem Gaul reiten? Stehen da nicht bereits die Pferde aus dem königlichen Pferdestall zur Verfügung?

Bettler: Nein. Der Prinz wird zwar mit einer Kutsche erwartet. Aber ich bin sicher: Er wird sich sofort auf dein Pferd schwingen wollen und seine Braut galant...

Jäger, ihn unterbrechend: Wie kommst du auf die Idee, dass ich daran etwas verdiene?

Bettler: Ach, der Prinz ist reich, aber vor allem: Er will seine Braut mit seiner Generosität beeindrucken wollen.

Jäger, zweifelnd: Ich bin hin- und hergerissen. Heute wäre ein so wunderschöner Tag zum Jagen! Der Wind weht kaum, das Licht... und Martha wartet auf das Fleisch. Es muss zuerst in Wein und Essig eingelegt werden. In eine Brühe halt...

Bettler, rasch: Du kannst immer noch auf die Jagd gehen. Mit deinem Gaul ist der Prinz im Nu im Schloss und dann kannst du dein Pferd...

Jäger: Nein, nein. Da stimmt etwas nicht. Dein Plan ist mir viel zu vage.

Bettler: Du willst es nicht anders, Freundchen.

Der als Bettler verkleidete Teufel hebt die Hände und flüstert einen Zauberspruch.

Jäger, gähnend: Ich bin nicht dein... oh, ich bin plötzlich so müde, so... unendlich müde.

Der Jäger setzt sich nieder, gähnt und ist bereits eingeschlafen.

Bettler: Er wollte es nicht anders. Jetzt bringe ich den fuchsroten Gaul selber zum Hafen. Der Prinz wird sich freuen!

Episode 17

Oh je, oh je, oh je. Nun ist die Märchenerzählerin böse. Wenn ihr mich denn sehen könntet: Ich schüttle den Kopf. Nun, denn, die Geschichte soll ja weitergehen: Wir befinden uns nach wie vor im Schlosspark und die Märchenerzählerin sitzt neben dem alten Mann auf der Bank unter dem Apfelbaum.

Märchenerzählerin: He du da!

Du meinst mich?

Märchenerzählerin: Du hast mir wieder hineingepfuscht, mir die Fäden aus den Händen gerissen.

Ich habe keine Ahnung wovon du sprichst.

Märchenerzählerin: Tu gefälligst nicht so arglos. Ich habe die Episode vorhin ganz anders geplant.

Nämlich?

Märchenerzählerin, aufgebracht: Der Jäger selber und nicht etwa der Teufel hätte mit dem fuchsroten Gaul zum Hafen reiten sollen. Der Jäger hätte seinen Gaul dem Prinzen anbieten sollen und du weisst schon, wie sich die Geschichte weiterentwickelt hätte.

Ja? Nein, das weiss ich nicht wirklich.

Märchenerzählerin, eifrig: Nun, der Prinz hätte sich aufs Ross aufschwingen mögen, da kommt ihm der treue Johannes zuvor, schwingt sich selber empor, ergreift das Gewehr, das im Halfter steckt und erschiesst das Pferd. Alle sind total erschrocken, stumm. Zuerst beginnt der Jäger zu schreien und lamentieren. Der Prinz beschwichtigt ihn und sagt den Anwesenden, es hätte schon seine Berechtigung, der treue Johannes müsse seine Gründe gehabt haben. Der Jäger wird ins Schloss eingeladen, bekommt seine Golddukaten, kehrt zurück in sein Jägerhaus, doch er ist unglaublich aufgebracht und wird von nun an gegen Johannes schimpfen, wo er nur kann.

Das war nicht ich, das war der Jäger und der Teufel, die du nicht unter Kontrolle hattest. Wie kamst du nur auf die Idee mit dem Teufel? Weisst du nicht, dass man die Finger verbrennt, wenn man mit dem Feuer spielt?

Märchenerzählerin: Der Teufel, nun der Teufel ist von selbst aufgetaucht. Aus dem Nichts. Ich jedenfalls habe ihn nicht gerufen.

Alter Mann, leise: Das haben die Teufel so an sich.

Märchenerzählerin: Aber wie geht es nun weiter? Oder ging es?

Alter Mann: Der Teufel hat den Gaul zum Hafen gebracht.

Märchenerzählerin: Du weisst das woher?

Alter Mann: Von Berta.

Märchenerzählerin: Das ist nicht ganz logisch. Der Prinz nimmt doch kein Pferd, das ihm der Teufel selbst zur Verfügung stellt?

Alter Mann: Es war ganz anders: Erstens hat sich der Teufel als Knappe ausgegeben und zweitens ist ihm Johannes zuvorgekommen.

Märchenerzählerin: Und hat den armen, unschuldigen Gaul niedergeschossen.

Alter Mann: Genau.

Märchenerzählerin: Und der Knappe hat sich sicher in Luft aufgelöst.

Alter Mann: In Pech und Schwefel.

Märchenerzählerin: Und der arme Jäger?

Alter Mann: Der hat nur kurz geschlafen. Ist erwacht, hat sofort gemerkt, dass er übers Ohr gehauen wurde und hat sich schleunigst auf den Weg zum Hafen gemacht...

Märchenerzählerin, fassungslos: Wo er seinen Toten Gaul gefunden hat...

Alter Mann: Und eine völlig verwirrte Dienerschaft samt Bootsmannschaft.

Märchenerzählerin: Wie geht es Johannes?

Alter Mann: Den Umständen entsprechend gut. Er ist bereits im Schloss eingetroffen.

Märchenerzählerin, entgeistert: Oh, mein, Gott! Das Fürchterliche geschieht nochmals?

Wir befinden uns in der Küche, wo der Jäger auf und abgeht. Hallo du, wer erzählt jetzt? Ich oder du? Du? Ich? Nein nicht du, ich bin dran! Von mir aus! Nun denn, wo war ich stehen geblieben? Ah, ja, die Küche. Martha steht am Herd und rührt in einer Suppe.

Jäger, aufgebracht: Und der Prinz stand einfach nur da und sagte nichts.

Martha: Der stand sicher unter Schock. Sein treuester Diener bringt einen Gaul um. Da hätte ich auch nur noch starren und Maulaffen feilhalten mögen. Aber hat der Johannes etwas gesagt? Ich meine, hat er sich erklärt?

Jäger, nachdenklich: Nein, kein Wort.

Martha: Er wird schon seine Gründe gehabt haben.

Jäger, aufgebracht: Nimmst du ihn etwa in Schutz?

Martha: Es geht nicht darum, dass ich etwa gegen dich bin. Aber überleg doch mal: Der Johannes hat hier seit dem Tod des Königs alles geregelt und den Prinzen auf sein hohes Amt vorbereitet. Und zuletzt hat er ihm die Prinzessin...

Jäger: Beschafft?

Martha: Ja, wenn du willst, dann sag halt «beschafft». Ich selbst hätte ein vornehmeres Wort verwendet.

Jäger: Siehst du: Du willst alles schönreden. Wie unsere Herrschaften.

Martha: Es geht doch nicht ums Schönreden. Du drehst mir heute irgendwie jedes Wort im Mund um. Was ich natürlich auch irgendwie verstehe, nach dem unverhofften Verlust deines Gauls. Aber ich wollte dir doch nur vor Augen führen, dass Johannes noch gar nie etwas getan hat, das nicht loyal wäre. Er ist die Loyalität selbst!

Jäger: Was soll ich nun tun, so ganz ohne meinen Gaul?

Martha: Wie ich Johannes kenne, wird er dir einen Gaul aus den königlichen Ställen anbieten.

Jäger, aufgebracht: Aber kein noch so königlicher oder edler Gaul ersetzt mir meinen Gaul! Ich habe mich so an ihn gewöhnt, an sein Wiehern, an seinen Galopp und wenn’s drauf ankommt – mit einem Seufzer: Nein, er ist ja nicht mehr: also, wenn’s drauf ankam, dann stand er mucksmäuschenstill, damit ich das Wild ins Visier nehmen konnte. Mit einem neuen Ross muss eine ganz neue Beziehung aufbauen...

Martha, mitfühlen: Das versteh ich doch alles. Es tut mir auch leid um dich und um deinen schönen, fuchsroten Gaul. Komm setzt dich doch endlich. Ich habe einen feinen Apfelkuchen, den serviere ich dir mit dicker Sahne. Willst du?

Jäger, getröstet: Und eine Tasse heisse Schokolade wäre perfekt dazu.

Martha, lächelnd: Ja, ja, wie die Berta immer sagt: Ein voller Magen ist nicht unzufrieden.

Da stolpert Kurt in die Küche, atemlos und aufgeregt.

Kurt: Ihr müsst schnell kommen.

Martha: Kurt, durchatmen.

Kurt, atemlos: Es ist das Allerschönste, was ich je gesehen habe!

Martha: Du redest von der Braut?

Kurt, atemlos: Nein! Von ihrem Kleid, dem Brautkleid!

Martha: Das Brautkleid? Das muss doch erst noch genäht werden. Die Schneiderinnen werden erst morgen im Schloss erwartet. Wir haben extra Pastetchen mit einer köstlichen Wurstfüllung vorbereitet, um sie bei ihrer heiklen Arbeit zu verköstigen.

Kurt: Das wird nun nicht mehr nötig sein. Das Kleid ist vorhin eben eingetroffen!

Martha, misstrauisch: Da stimmt etwas nicht. Zuerst müssen die Masse der Prinzessin aufgenommen, dann der Stoff ausgewählt werden. So hoppla hopp funktioniert es nicht.

Kurt: Das Kleid ist ein Geschenk! Ganz aus Gold und Silber!

Martha, argwöhnisch: Da stimmt etwas nicht. Es gibt keine Stoffe aus Gold und Silber.

Kurt, heftig: Wenn ich es euch doch sage! Warum kommt ihr nicht, und seht selber?

Auf einmal wird die Türe aufgerissen, Johannes stolpert herein, in seinen behandschuhten Händen hält er einen gold-silbrigen Stofffetzen.

Johannes, zu Kurt: Schnell, öffne die Ofentür!

Bevor Kurt reagieren kann, hat Martha die Türe geöffnet, Johannes wirft den Stoff ins prasselnde Feuer, zieht in aller Eile die Handschuhe aus und wirft diese ebenfalls in die Flammen. Es zischt, braust, Rauch breitet sich auf alle Seiten aus, quillt aus dem Ofen. Nach Pech und Schwefel stinkt es.

Martha, laut rufend: Öffnet die Fenster, schnell!

Da setzt sich Johannes erschöpft hin. Martha nimmt ein Glas, ergreift eine Flasche, und schenkt ihm eine honigfarbene Flüssigkeit ein.

Martha: Nimm, trink. Das brauchst du.

Johannes ergreift das Glas, trinkt es mit einem Zug leer und seufzt tief auf. Da erscheint Berta unter der Türe, schnuppert und erfasst die Situation mit einem Blick.

Berta, zu Martha: Das hast du gut gemacht, meine Liebe.

Kurt, japsend: Das war, das war, das war...

Martha: Das war das Brautkleid. Ich weiss.

Jäger, fassungslos: Was Teuflisches geht hier eigentlich vor?

Episode 18

Wie ich diese Einleitungen hasse, verachte, verabscheue! Das wiederkehrende «Wir befinden uns...» ist mir schlichtweg verleidet. Aber ihr wartet ja auf die Fortsetzung der Geschichte, ich muss also schnell eine Lösung finden. Ah, ich hab’s:

Wir blicken in einen edel eingerichteten, lichtdurchfluteten Raum des Schlosses. Einige sehr bequem anmutende, mit rotem, smaragdgrünem und goldenem Samt bezogene Sessel stehen um ein kleines, rundes, goldenes Tischchen in der Nähe eines Kamins. Am anderen Ende des Zimmers, unmittelbar neben einem offenen Fenster – wir hören von draussen die Vögel zwitschern und jubilieren – steht ein Schreibtisch aus Rosenholz. Die Prinzessin sitzt in dem einen, goldenen Sessel beim Tischchen, ihr gegenüber hat Sabine With Platz genommen. Auf dem Tischen stehen – ach, wie könnte es anders sein! – Schälchen mit appetitlich kleinen Häppchen und zwei Kaffeetässchen, Kaffeekrug, Milchkännchen und Zuckerdose, alle silbern.

Sabine With: Danke, dass Ihr mich empfangen habt, Prinzessin.

Prinzessin vom goldenen Dach: Gern geschehen, meine Liebe. Wie war doch gleich euer Name?

Sabine With, eilfertig: Sabine With. Ich bin Journalistin beim Tages-Express und möchte eine Reportage zur königlichen Hochzeit verfassen.

Prinzessin: Die eigentliche Hochzeit findet morgen statt.

Sabine With: Ja, ich bin im Bilde. Ich möchte auch über die Hochzeitsvorbereitungen berichten. Darf ich meine erste Frage stellen?

Prinzessin, höflich: Gewiss. Nur zu!

Sabine With: Es wird ja viel gemunkelt, unter anderem, dass Ihr nicht ganz freiwillig hierhergekommen seid.

Prinzessin, höflich: Ja, ich wurde von meinem Verlobten eingeladen, mir die kostbaren, goldenen Zierrate auf seinem Schiff anzuschauen. Wir waren alsdann so vertieft, dass wir nicht bemerkten, dass sich das Schiff losgerissen hatte. Nun, als ich mich verabschieden und mit meiner Kammerzofe nach Hause wollte, ja, da befanden wir uns bereits mitten auf hoher See. Kurzerhand hat mich mein Verlobter eingeladen, doch noch einige Tage auf dem Schiff zu verbringen – wo wir übrigens hervorragend bewirtet worden sind – und danach sein Schloss zu besuchen. Ich habe natürlich freudig eingewilligt. In jenen Tagen auf dem Meer sind wir uns nähergekommen und ich habe seinen Antrag angenommen.

Sabine With, notierend: Ich halte fest: die Gerüchte über eine Entführung sind falsch. Aber es gab dann an Land Zwischenfälle?

Prinzessin, höflich: Die da wären?

Sabine With: Nun, es wird gesagt, der rostrote – oder war es ein feuerroter? – Gaul, den Ihr Verlobter Ihnen geschenkt habe, sei von einem dahergelaufenen Bettler erschossen worden? Könnt Ihr mir Näheres mitteilen?

Prinzessin, höflich: Oh, da gab es keinen Bettler, nur ein Pferd, das durchgebrannt war und direkt auf uns zu galoppierte. Ein Leibwächter meines Verlobten besass die Geistesgegenwart und hat das rasende Tier erschossen, sonst wären wohl viele Menschen schwer verletzt worden, oder sogar umgekommen.

Sabine With, leise ihre Notizen kommentierend: Pferd war kein Geschenk des Prinzen.

Prinzessin, höflich: Möchtet ihr noch etwas wissen, Frau With?

Sabine With, eifrig: Ja, gerne. Noch einiges. Man erzählt sich, dass Ihr ein königliches Brautkleid geschenkt bekamt, dass sich in Pech und Schwefel aufgelöst habe. Stimmt das?

Prinzessin, lächelnd: Oh, diese Leute! Doch darüber weiss ich nichts. Gewiss ist jedoch: Die königlichen Schneiderinnen haben mir vor einer Woche die Masse für das Brautkleid abgenommen. Ich selbst habe übrigens den Stoff ausgewählt: Hellblaue Seide mit eingewebten Gold- und Silberfäden. Das Kleid wurde gerade heute Morgen fertig. Die letzte Anprobe fand vor wenigen Stunden statt: Das Kleid sitzt perfekt! Nun müssen nur noch winzige Perlen und Saphire hineingestickt werden, um dem Ganzen – ja wie soll ich sagen – die notwendige Eleganz zu verleihen.

Sabine With, demütig: Ihr, werte Prinzessin, werdet dem Kleid Glanz verleihen, denn Eure Schönheit wird das schönste und edelste Kleid überstrahlen.

Prinzessin, strahlend: Das waren genau die Worte meines Verlobten.

Sabine With: Darf ich Euch noch eine Frage zum Personal stellen?

Prinzessin, lächelnd: Keine weiteren Gerüchte?

Sabine With, eilfertig: Nicht, dass ich wüsste. Zu meiner Frage: Versteht Ihr Euch gut mit dem Personal?

Prinzessin, höflich: Oh, das ist ja eine Suggestivfrage!

Sabine With, kleinlaut: Verzeiht mir!

Prinzessin, höflich: Gewiss, gewiss. Ja, ich verstehe mich sehr gut mit den Dienstboten hier im Schloss. Das Küchenpersonal kocht auf hohem Niveau, die Dienerschaft ist höflich, zurückhaltend und gründlich. Der Garten wird sehr sorgfältig gepflegt. Die Pferde in den königlichen Ställen sind allesamt edlen Geblüts und ausgezeichnet zugeritten.

Sabine With: Habt Ihr hier bereits Freundschaften geschlossen?

Prinzessin, lächelnd: Wie könnte ich nicht! Mein Verlobter hat bekanntlich seine Mutter früh verloren und Nanny, ihre Kammerzofe, hat sich des Jungen angenommen. Die Kammerzofe und Berta, die Köchin, um genau zu sein. Daher sein inniges Verhältnis zu mehreren der Dienerschaft, allen voran der Köchin und dem treuen Johannes, seinem engsten Freund, Vertrauten und Diener. Die Freunde meines Verlobten sind selbstverständlich auch meine Freunde. Noch etwas, meine Liebe?

Sabine With: Oh, ja, verzeiht mir!

Prinzessin, lächelnd: Nur zu!

Sabine With: Ihr sollt Euer Schloss seit Eurer Ankunft nicht mehr besucht haben. Vermisst Ihr niemanden? Freunde, Bekannte, Verwandte?

Prinzessin: Meine treue Kammerjungfer Madeleine hat mich aufs Schiff begleitet und lebt jetzt hier. Ich vermisse niemanden. Mein Schloss ist in den guten Händen meiner Verwalterin. Der Betrieb läuft auch ohne mich und ist ohnehin selbsttragend.

Sabine With, rätselnd: Selbsttragend?

Prinzessin, stolz: Wir bauen Obst, Gemüse und Getreide an und züchten Pferde. Wir erzielen jedes Jahr einen stattlichen Gewinn.

Sabine With: Sicher seid Ihr auch wegen der Steuereinnahmen so reich?

Prinzessin, lächelnd: Die Bauern in meinem Königreich bezahlen keine Steuern. Die Handwerker, können freiwilligen etwas an die Infrastruktur beitragen. Nur von den Edelleuten mit vielen Ländereien und dementsprechend hohen Einnahmen beziehen wir Steuern.

Sabine With, staunend: Oh? Ihr geltet doch als eine der reichsten Prinzessinnen landauf und landab. Eure Bezeichnung heisst ja daher «Prinzessin vom goldenen Dache».

Prinzessin, lächelnd: Ach Gott, die Leute reden halt. Aber es wird masslos übertrieben. Wir haben genug.

Sabine With, höflich: Vielen Dank für dieses Interview, werte Prinzessin!

Prinzessin, nickend: Gerne geschehen, meine Liebe. Und ihr seid natürlich morgen herzlich zum Hochzeitsfest eingeladen.

Sabine With: Vielen Dank, Werteste.

Prinzessin: Ich möchte euren Bericht lesen, bevor ihr ihn publiziert.

Sabine With, eifrig: Gewiss, gewiss. Es soll ja alles korrekt dargestellt werden.

Prinzessin, lächelnd: Nun hetzt aber nicht gleich davon! Ihr solltet diese köstlichen Häppchen versuchen. Die Küche übertrifft sich täglich mit neuen, exquisiten Leckereien!

Sabine With: Über die hervorragende Küche hier werde ich gewiss ausführlich schreiben.

Prinzessin, eifrig: Und morgen, da müsst ihr, nein da seid ihr mein persönlicher Gast an meiner Seite! Versprecht, dass ihr kommt! Dann könnt ihr über die Hochzeitszeremonie, das Hochzeitsmal, die Hochzeitstorte – oh! Ich freue mich so! – auch über mein Kleid, die illustren Gäste, den Hochzeitstanz, oh und ganz wichtig: Den Hochzeitsstrauss... einfach über alles berichten. Sagt, tut ihr das?

Sabine With, gerührt: Oh, das werde ich bestimmt.

Prinzessin: Dann werde ich meine Kammerzofe rufen, sie wird euch den besten Dessertwein, den ich je getrunken habe, einschenken. Sofern ihr kosten wollt!

Sabine With, begeistert: Den besten Dessertwein? Ja gerne!

Episode 19

Wo wollt ihr, dass wir uns befinden? Im Garten des Schlosses? Etwa beim Seerosenteich, dort wo sich unlängst der Prinz krank vor Liebe auf der Chaiselongue ausgeruht hat? Oder im Pavillon, wo Musikvorführungen abgehalten werden und morgen das Orchester sitzen wird? Oder beim Apfelbaum? Wählt es euch einen Schauplatz nach eurem Gusto aus. Ich sage mal nichts Genaueres dazu!

Sabine With zur Märchenerzählerin, aufgebracht: Sie lügt!

Märchenerzählerin, lächelnd: Was habt ihr erwartet? Dass sie die Wahrheit in alle Welt herausposaunt?

Sabine With, zweifelnd: Nein?

Märchenerzählerin: Sie schützt sich selbst, ihren Bräutigam und das Dienstpersonal vor übler Nachrede! Und sicherlich auch Johannes, diesen treuen Diener.

Sabine With, empört: Das sind Fake-News. Ich verabscheue manipulierte Wahrheiten!

Märchenerzählerin: Wie denkt ihr, würde die sogenannte Wahrheit den Leuten gefallen?

Sabine With, bestimmt: Die Wahrheit macht uns frei.

Märchenerzählerin, weise: Das stimmt zwar. Aber die Wahrheit ist eine subjektive Angelegenheit. Manchmal muss man die Wahrheit halt eben sorgfältig... anpassen?

Sabine With: Die Wahrheit «anpassen»? Ihr meint wohl, die Realität schönreden?

Märchenerzählerin: Bedenkt doch: Nicht alle ertragen die Realität.

Sabine With: Und deshalb soll ich meine Leserinnen und Leser anlügen?

Märchenerzählerin, weise: Überlegt: Wenn ihr etwas auslässt, so ist das keine Lüge. Aber ich habe den Eindruck, ihr habt nur das im Visier, was ihr jetzt vermeintlich als Lüge entlarvt habt. Doch es gibt viel mehr sogenannt «Wahres» zu berichten, wenn ihr euren Blickwinkel etwas erweitert! Was bringt die schonungslose Wahrheit einzelner Vorkommnisse, wie ihr sie anstrebt?

Sabine With, unsicher: Verunsicherung?

Märchenerzählerin: Ja, genau! Die Entführung war ja immerhin der Anfang einer grossartigen Liebesgeschichte. Diesen tatsächlichen Beginn muss nicht jeder kennen. Wie würde das zukünftige Königspaar dastehen? Würde Herr Meier und Frau Müller die Wahrheit richtig deuten?

Sabine With, unsicher: Wohl kaum!

Märchenerzählerin: Da seht ihr es selbst!

Sabine With, aufgebraucht: Aber die Prinzessin ist eitel!

Märchenerzählerin, lächelnd: Oh, alle Bräute der Welt sind eitel!

Sabine With, verächtlich: Und ihre angeblichen Freunde: Nur Personal!

Märchenerzählerin, beschwichtigend: Ist es denn schlimm, wenn jemand sich mit Menschen, die ihn bedienen, anfreundet?

Sabine With, unsicher: Eigentlich nicht, aber...

Märchenerzählerin: Sie muss die Menschen in diesem Königreich erst noch kennenlernen.

Sabine With, unsicher: Auf mich wirkt sie wie ein Püppchen, keine Eigenständigkeit. Eigentlich habe ich gar nichts persönliches über sie in Erfahrung gebracht.

Märchenerzählerin, beschwichtigend: Oh, doch, das habt ihr! Ihr wisst nun, dass sie die Dienstboten respektiert, die Freunde ihres Mannes sind auch ihre Freunde, dass sie loyal ist, souverän und treu.

Sabine With, höhnisch: Ha, und sie liebt goldenen Tand... und das gute Essen der Schlossküche!

Märchenerzählerin, schwärmerisch: Wer nicht! Aber sagt mal: Was ist euch über die Leber gelaufen. So unversöhnlich habe ich euch noch gar nie erlebt?

Da schweigt wohl des Sängers Höflichkeit.

Jetzt verlassen wir die beiden, wo auch immer sie sich aufhalten oder aufgehalten haben. Denn die Hochzeitvorbereitungen laufen auf Hochtouren und wir möchten doch kurz einen Blick in die Küche werfen und uns an den dort vorherrschenden feinen Düften erfreuen! Ah! In der Küche herrscht tatsächlich Hochbetrieb: Kurt und Madeleine – erinnert ihr euch an sie? – schnippeln das Gemüse, Martha rührt irgendeinen Teig, Johannes sitzt an einem Tisch und rollt Datteln in Speckstreifen ein, der Jäger hat ihm gegenüber Platz genommen und entsteint Kirschen, eine saftig rote Angelegenheit. In diesem Augenblick kommt Berta durch die Gartentüre herein. Nun sehe ich es: Sie hält Thymian, Zitronengras und Rosmarin in den Händen, die sie offensichtlich draussen in ihrem Gartenparadies gepflückt hat.

Berta, zu Kurt: So, nun die Kräuter in den Topf, dann die Brühe mit dem Fleisch kurz aufkochen und dann den Topf sofort von der Hitze wegziehen. Bring den Topf, sobald er ein wenig abgekühlt ist, in den Keller. Bis morgen ist das Fleisch durchgegart und gleichwohl sehr zart, du kannst es dann wieder holen...

Kurt, eifrig: Ja, ja, ich weiss: Ich nehme es aus der Brühe und schneide es in hauchdünne Scheiben. Dann muss man nur noch die Sauce darüber giessen und dann wieder ab in die Kühle.

Berta: Genau. Die Brühe...

Kurt, schwärmerisch: Die Brühe werfe ich natürlich nicht weg. Wir werden Kartoffelklösschen darin köcheln. Dazu gibt es eine feine Salbei-Butter-Sauce.

Berta setzt sich erschöpft zu Johannes.

Johannes, zu Berta: Du bist ganz schön gefordert, wie es scheint. Komm, gönn dir doch ein bisschen Ruhe.

Berta, leise zu Johannes: Wie geht es dem Prinzen? Und der Prinzessin?

Johannes, lächelnd: Sie sind aufgeregt!

Berta, leise zu Johannes: Ob das Schlimme... ich meine...

Johannes, leise zu Berta: Ich bin im Bild, was du meinst.

Berta, flüsternd: Du denkst, es könnte...

Johannes, leise zu Berta: Ich bin gewappnet. Doch wir haben keine Ahnung ob...

Berta, mit einem Seufzer: Ob das Vorausgesagte so geschieht oder nicht.

Johannes, wehmütig: Morgen Abend haben wir Gewissheit!

Wir verlassen die Küche, wir können ja eh nichts helfen und werfen noch geschwind einen Blick in die königlichen Schlafgemächer. Oh, die Prinzessin hat ihr Hochzeitskleid – ein Traum von einem Kleid! – übergezogen und dreht und wendet sich vor dem Spiegel in ihrem Ankleideraum, will sagen: Boudoir.

Prinzessin, fröhlich: Es sitzt. Es sitzt perfekt! Jetzt mein Perlencollier um den Hals: Ah, perfekt! Absolut perfekt! Was höre ich da? Ein zaghaftes Klopfen an der Türe. Laut: Wer da?

Prinz, von draussen: Ich bin es, mein Schmuckstück, mein Juwel!

Prinzessin, gehetzt: Wart ein wenig. Du darfst mich nicht im Hochzeitskleid sehen, das bringt Unglück!

Prinz, von draussen: Ich habe dir was mitgebracht!

Prinzessin: Nur noch einen kleinen Moment. Zu sich selbst: Uff, das Kleid sitzt perfekt, aber... es... ist... eng. So jetzt habe ich’s gleich. Der Schmuck in die Schatulle zurück. Laut: Du kannst hereinkommen! Sich umdrehend: Was bringst du mir denn?

Prinz: Eine kleine Zwischenverpflegung, du mein Leckermäulchen! Aber sag: Warum hilft dir deine Kammerzofe nicht beim Ankleiden?

Prinzessin: Oh, die hat besseres zu tun, mein Liebster. Und küsst ihn innständig und ausgiebig.

So, genug für heute mit all diesen «Einblicken». Verlassen wir geschwind die turtelnden Brautleute. Wir sehen und hören uns morgen, beim Hochzeitsfest. Einverstanden?

Episode 20

Heute ist der Hochzeitstag und oh, der ganze königliche Park ist geschmückt! Ihr solltet das mit eigenen Augen sehen können! Die Bäume sind mit roten, blauen und goldenen Stoffbändern dekoriert, in den Sträuchern baumeln farbige Girlanden, all die vielen Wege durch den Park und zum Schloss hin sind mit Rosenblütenblättern übersät, und die Rosen! Sie blühen um die Wette und verströmen einen bezaubernden Duft. Desgleichen der Jasmin, der an den Schlossmauern emporgezogen wird, er ist über und über mit reinweissen Blüten behangen, die unglaublich verführerisch duften. Es sieht zauberhaft, fantastisch aus, ich kann mich kaum satt sehen!

Ah! Ich weiss, was ihr jetzt denkt. Ihr meint wohl, ich würde das alles erfinden und dürfte deshalb nicht so überrascht tun über all die Pracht! Wie sehr ihr euch täuscht! Ich bin lediglich die Chronistin, das habe ich euch bereits vor langer Zeit erklärt. Die Geschichte entfaltet sich vor mir wie von selbst. Ah! Jetzt denkt ihr wohl, ich flunkere euch weiter was vor, weil sich die Märchenerzählerin ja letzhin beschwert hat, ich würde ihr ins Handwerk pfuschen und ihr die Fäden aus der Hand reissen? Stimmt’s? Geht euch das durch den Kopf? Wisst ihr denn nicht, dass man nur jene Fäden ergreifen kann, die ein anderer losgelassen hat? Also hört auf mit euren neunmalklugen Überlegungen und geniesst diese Hochzeitsepisode!

Seit dem Vormittag fährt Kutsche um Kutsche mit den Geladenen vor. Auf der Wiese neben dem Pavillon sind Tische mit einem umfangreichen Buffet aufgestellt. Elegant gekleidete Diener gehen diskret zwischen den Gästen herum und schauen, dass ja kein Glas leer bleibt. Ah, auch das lächelnde Brautpaar sehe ich nun, die Brautleute wandeln zwischen den Gästen, nicken da höflich, lassen dort ein paar Worte fallen.

Prinz, zur Prinzessin, hingerissen: Du bist heute so unbeschreiblich schön, meine Liebe.

Prinzessin, einsilbig: Hm?

Prinz, entzückt: Dieses Kleid, es steht dir ausgezeichnet. Es ist dir... wie auf den Leib geschnitten. Hast du bemerkt, wie dir bewundernde Blick zugeworfen werden?

Prinzessin, wortkarg: Ja?

Prinz, schwärmerisch: In einer Stunde sind wir Mann und Frau.

Prinzessin, angespannt: Hm.

Prinz, überwältigt: Und du wirst Königin! Meine Königin!

Prinzessin, angestrengt: Ja?

Prinz: Du bist so kurz angebunden. Fehlt dir etwas?

Prinzessin, angespannt: Hm.

Prinz: Komm wir setzen uns auf meine Chaiselongue im Espenwäldchen und nehmen ein Glas des hellen Sprudelweins.

Prinzessin, verkrampft: Ich weiss nicht, ob ich mich hinsetzen kann.

Prinz, fragend: Was ist denn los?

Prinzessin, verkniffen: Das Kleid kneift mich.

Prinz, erstaunt: Gestern sass es doch perfekt?

Prinzessin: Gestern war es nur etwas eng. Mit einem spitzen Ausruf: Ach, ich hätte auf das Abendessen verzichten sollen! Und auf all die vielen, kleinen Häppchen heute beim Empfang!

Prinz, ratlos: Was sollen wir bloss tun?

Prinzessin, verspannt: Keine Ahnung.

Prinz, hilflos: Soll ich Madeleine rufen, oder Berta?

Prinzessin: Ich weiss nicht...

Prinz, mit einem Ausruf: Da kommt sie bereits.

Berta, dienstbeflissen: Das hätten wir gleich!

Prinz, entsetzt: Was soll das? Was willst du mit der Schere tun? Doch nicht etwa das Kleid zerschneiden? Die Trauung ist sogleich. Die Prinzessin braucht ihr Kleid!

Berta, lächelnd: Nur keine Bange. Hier seht ihr: Das Kleid hat links und rechts zwei versteckte Nähte. Wenn ich diese beiden...

Prinzessin, ängstlich: Du wirst doch nicht die Perlen abschneiden?

Berta, lächelnd: Doch genau. An diesen beiden Perlen hängt der Faden der einen Naht. Wenn ich diese Perle hier wegschneide, dann kann ich an dieser Perle da ziehen und...

Prinz, verdutzt: Der Faden gleitet wie von alleine heraus...

Berta, eifrig: Und jetzt noch die Naht auf der anderen Seite, einen Moment noch. Gleich ist es geschafft!

Prinzessin, mit einem Seufzer: Huch, ich kann wieder atmen!

Prinz, erstaunt, zu Berta gewandt: Wie wusstest du, wie du vorzugehen hast?

Berta, lächelnd, zur Prinzessin: Ach, ich habe natürlich bemerkt, wie einsilbig Ihr geworden seid, Prinzessin. Und die Schneiderinnen haben mich eingeweiht. Ich war nur froh, dass Ihr Euch bereits zurückgezogen habt.

Prinz, erleichtert, zur Prinzessin: Geht es dir besser, meine Liebe?

Prinzessin, befreit: Und wie!

Prinz, mit einer Verbeugung: Darf ich Euch geleiten, meine zukünftige Königin, es ist Zeit, Euch zur Frau zu nehmen, Werteste!

Ja und erst jetzt wird uns gewahr, dass hinter dem Schloss in der Nähe des Seerosenteichs eine kleine, schmucke Kapelle steht. Die geladenen Gäste haben bereits Platz genommen, die Orgel spielt eine rauschende Melodie. Ein rosa und ein weiss gekleidetes Mädchen streuen beim Eintreten der Prinzessin in die Kapelle Blüten vor sie hin. Der Prinz empfängt sie bei der Empore.

Aber wir kürzen hier ab: Es wird eine ergreifende Trauung. Manch versteckte Träne fliesst. Der Kaplan erklärt nach einer kurzen Rede die Brautleute als Mann und Frau und setzt der Prinzessin zur Krönung eine zierliche, filigrane Goldkrone aufs Haar desgleichen dem Prinzen. Als das Brautpaar wieder ins Freie treten, wirft die frisch gebackene Königin den Brautstrauss hoch in die Luft. Dieser zerbricht in zwei Hälften. Die verdutzte Martha fängt die eine, die verblüffte Madeleine die andere Hälfte des Strausses.

Die ganze Hochzeitsgesellschaft wandelt nach und nach Richtung Pavillon, wo auf den Tischen das Festbuffet wartet und das Orchester bereit ist, zum Tanz aufzuspielen. Ach, ich habe etwas noch gar nicht berichtet: Ich sehe auf den Tischen, den Bäumen und entlang der Wege hunderte Kerzen, Fackeln und Lampions, die wohl angezündet werden, wenn es dunkel wird. Es wird bestimmt eine märchenhaft fantastische Nacht!

Episode 21

Es ist etwas Schreckliches geschehen. Leider haben wir den Vorfall verpasst, gestern, als wir uns so unverhofft aus den Festivitäten verabschiedet haben. Ich hatte doch keine Ahnung! Sonst hätte ich länger rapportiert, Ehrenwort. Doch lassen wir uns das Geschehen doch von verschiedenen Augenzeugen erzählen. Sabine With ist die perfekt geeignete Person für eine diskrete Umfrage...

Sabine With zu Martha: Könnt ihr mir berichten, was ihr gestern beobachtet habt?

Martha: Ich schwebte gestern auf Wolken, glaubt mir. Dass ich einen Teil des Brautstrausses auffangen würde, das hätte ich mir in den kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Ausgerechnet ich! Das bedeutet doch, dass ich noch in diesem Jahr verheiratet sein werde! Ich Glückspilz.

Sabine With: Ähm, ich meinte, habt ihr was über den Aufruhr um die Königin bemerkt?

Martha: Ich habe ja bereits gesagt, ich habe auf Wolken geschwebt. Ich habe nichts bemerkt, mir ist nichts aufgefallen.

Sabine With: Nichts?

Martha, zögernd: Doch, vielleicht. Ich war die ganze Zeit beim Buffet und habe die Gäste bewirtet. Da gab es zwischendurch einmal ein Raunen und dann war alles still. Das Orchester hat vorübergehend aufgehört zu musizieren. Aber ich war in Gedanken ganz woanders... Ich habe mir folglich keine Gedanken gemacht und erst viel, viel später davon erfahren.

Sabine With: Wen könnte ich noch befragen?

Martha: Meinen Verlobten, den Jäger?

Sabine With zum Jäger: Wo wart ihr gestern, als das Unglück geschah?

Jäger, verzückt Martha betrachtend: Ich stand beim Buffet und habe meine Martha angestarrt. Ich konnte mich nicht sattsehen, wie sie die Leute bedient hat. Ich habe überhaupt nichts anderes wahrgenommen.

Sabine With, leise: Ja, ja. Liebe macht blind. Wie wahr. Leider. Wen könnte ich wohl noch befragen? Ich hab’s: Ich frage Berta.

Sabine With zu Berta: Wo wart ihr...

Berta, gefasst: Ich stand ganz in der Nähe.

Sabine With: Wo und was ist geschehen?

Berta: Es war der erste Tanz. Der Tanz, wo das Brautpaar alleine tanzt. Die Eröffnung gewissermassen.

Sabine With: Und?

Berta, bedrückt: Die Prinzessin, äh, die Königin ist plötzlich zusammengebrochen. Mit einem Ausruf: Ach, hätte ich doch noch...

Sabine With: Ja?

Berta, gibt sich einen Ruck: Das Kleid der Königin war zu eng. Ich habe zwar am Vormittag zwei Nähte geöffnet, um die Königin ein wenig zu erleichtern, aber es war zu wenig, denke ich.

Sabine With, fragend: Nähte? Öffnen?

Berta: Ach, das tut jetzt nichts mehr zur Sache. Zum Glück war beim Zusammenbruch der Königin Johannes zur Stelle und hat sie geistesgegenwärtig aufgehoben und in ihre königlichen Gemächer gebracht. Die Ärmste.

Sabine With: Ist die Königin krank?

Berta: Sie wird nur ohnmächtig gewesen sein. Jetzt ist sie wieder wohlauf. Sie muss zwar noch das Bett hüten und vielleicht kommt der Leibarzt.

Sabine With: Dann fehlt ihr doch was?

Berta, beschwichtigend: Nur eine Vorsichtsmassnahme, nichts Ernstes, hoffe ich.

Sabine With: Wie geht es dem König?

Berta, bestimmt: Darüber darf ich nichts sagen.

Sabine With: Ich möchte euch noch fragen, ob das Glück der Frischgetrauten anhält?

Berta, erschüttert: Der König kümmert sich liebevoll um seine Königin.

Sabine With: Aber etwas erschüttert euch!

Berta, erschüttert: Ich darf meinen König nicht kritisieren.

Sabine With, wohlwollend: Wenn ihr bei den Fakten bleibt, dann ist das keine Kritik.

Berta, erschüttert: Es könnte falsch verstanden werden.

Sabine With: Und wenn ich euch heilig verspreche, nichts in meiner Reportage zu verwenden.

Berta, weinend: Der König hat Johannes gescholten.

Sabine With, ratlos: Gescholten?

Berta: Oder Schlimmeres.

Sabine With, bestürzt: Schlimmeres?

Berta, aufgewühlt: Johannes ist verschwunden!

Sabine With, mitfühlend: Jetzt verstehe ich eure Betroffenheit.

Berta, gefasst: Geht zu Madeleine. Vielleicht kann diese eure Fragen beantworten.

Kurt, dazwischenrufend: Ich kann euch weiterhelfen, Frau With!

Sabine With zu Kurt: Ja?

Kurt, eifrig: Ich habe der Königin einen Lavendeltee gebracht, zur Beruhigung, nach dem Zusammenbruch, meine ich.

Sabine With, skeptisch: Die Königin lässt einen Mann in ihr Schlafgemach?

Kurt, eifrig: Doch, doch, es war ein Notfall. Madeleine war bereits dort und hat mir den Tee abgenommen und das Getränk der Königin gereicht.

Sabine With: Und wie ging es der Königin?

Kurt, zögernd: Sie war blass. Und ihr schönes Seidenkleid...

Sabine With: Ja?

Kurt, stockend: Ich traue mich nicht, darüber zu reden!

Sabine With: Es ist doch nur ein Kleid!

Kurt, stotternd: Das Kleid war... zerrissen und... es war Blut... auf dem Kleid war Blut...

Sabine With, erschüttert: Viel Blut?

Kurt, erschüttert: Wenig Blut... aber...

Sabine With, sanft: Ja?

Kurt, beschämt: Das Blut war auf der Höhe des königlichen Busens.

Sabine With: Oh, mein Gott! Nachdenklich: Wen ich wohl noch befragen soll?

Berta, eindringlich: Geht zu Madeleine.

Sabine With: Wenn ihr mir so eindringlich ratet.

Wenig später.

Sabine With zu Madeleine: Darf ich euch befragen?

Madeleine: Ich bin erschüttert.

Sabine With: Was ist genau geschehen?

Madeleine: Beim ersten Tanz ist meine Königin zusammengebrochen. Mein Gott, hatte ich Angst!

Sabine With: Was ist euch da durch den Kopf gegangen?

Madeleine: Zuerst habe ich gedacht, sie sei tot. Doch dann ist Johannes zu ihr geeilt und hat sie behutsam aufgehoben.

Sabine With: Und der König?

Madeleine: Der König war im ersten Moment so perplex, dass er stocksteif dastand und nichts tat. Dann ist er Johannes hinterhergeeilt.

Sabine With: Und ihr?

Madeleine: Ich bin ebenfalls hinterhergeeilt.

Sabine With: Und anschliessend?

Madeleine: Die Königin lag in ihrem Schlafgemach auf dem Bett. Johannes beugte sich über sie. Sie schlug gerade die Augen auf, machte einen Seufzer und wurde wieder bewusstlos.

Sabine With: Ist euch irgendetwas aufgefallen?

Madeleine: Ihr Kleid war aufgeknöpft. Das war ja auch nötig, damit sie wieder atmen konnte...

Sabine With: Ja?

Madeleine: Das Kleid war so eng, müsst ihr wissen, wie auf ihren Leib geschneidert.

Sabine With: Ja?

Madeleine: Wir haben so viel gegessen in den letzten Tagen, vor allem gestern Abend – Junggesellinnenabschied – ihr wisst, wie das zu- und hergeht, nicht?

Sabine With, zustimmend: Ja, ja, der Junggesellinnenabend!

Madeleine: Darum wundert es mich kein bisschen, dass sie beim Tanzen keine Luft mehr bekam.

Sabine With, sachte: Ein Augenzeuge hat ausgesagt, es gab Blut auf ihrem Kleid.

Madeleine: Ja, das war Kurt, der hat Blut gesehen, angeblich. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich habe nur geschaut, ob sie atmet. Ich war so froh, als sie wieder zu Bewusstsein kam!

Sabine With: Und der König?

Madeleine: Der König kniete beim Bett und weinte sich die Augen aus.

Sabine With, behutsam: Ein Augenzeuge hat ausgesagt, der König habe Johannes gescholten.

Madeleine: Oh, ja! Der König hat Johannes angeschaut, wie... ich habe einen solchen Blick beim König noch nie gesehen. Ihr müsst wissen, er ist eigentlich sehr, sehr mitfühlend und tolerant.

Sabine With, achtsam: Ja?

Madeleine: Der König hat leise mit Johannes gesprochen. Ich habe nichts verstanden. Ich sah nur den Gesichtsausdruck der beiden. Stockend: Der König hatte einen harten, kalten Blick, Johannes schaute ihn ungläubig an. Ungläubig und schockiert. Dann hat Johannes etwas erwidert. Der König war in dieser Zeit ganz still. Mit einem Schluchzen: Dann hat Johannes rechtsumkehrt gemacht und ist gegangen. Seither ist er verschwunden, als ob er sich in Luft aufgelöst hätte.

Sabine With, beschwichtigend: Er wird sicher bald wieder auftauchen.

Madeleine, schluchzend: Keiner hat ihn seither gehen gesehen, keiner weiss, wo er ist! Wir haben Johannes alles zu verdanken! Alles! Dass meine Königin ihr Schloss verlassen hat – in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir das nicht ausmalen können – dass sie sich verliebt, gar heiratet und jetzt sogar guter Hoffnung ist. Alles haben wir dem treuen Johannes zu verdanken! Wie konnte der König so undankbar sein!

Märchenerzählerin, überrascht: Guter Hoffnung?

Zwischenspiel im Himmel

Teufel zu Gott: Warum hast du mich gerufen?

Gott: Das weisst du sehr wohl! Du hältst dich nicht an unsere Abmachung!

Teufel: Ich wollte doch nur...

Gott: Du hörst jetzt auf damit. Du wolltest die Treue des treuen Johannes testen. Und das hast du, ausgiebig. Der treue Johannes hat sein Leben riskiert, um die Plagen von seinem König fernzuhalten. Nun halte dich von ihm und den Bewohnern des Schlosses fern.

Teufel: Aber er hat sich nicht an das Schweigegebot gehalten.

Gott: Er hat dem König die Wahrheit gesagt, um diesen vor ungerechtfertigten Groll und Unmut zu bewahren. Und nun hast du Johannes in einen Stein verwandelt.

Teufel: Das war der Deal. Johannes wusste sehr wohl, was geschieht, wenn er darüber spricht. Er wird ja auch nicht für immer ein Stein bleiben. Eine Lösung habe ich bereits ersonnen. Eine teuflisch gute Lösung. Es geht dann um das Vertrauen des Königs zu Johannes.

Gott: Das habe ich dir nicht erlaubt. Ich verbiete dir, dem König weiter nachzustellen.

Teufel: Aber der König hätte den Johannes zum Leben erwecken können, wenn er den Stein...

Gott: Ich bin ein barmherziger Gott. So grausame Morde lasse ich nicht zu!

Teufel: Ha, du kennst die Welt nicht. Du weisst nicht, wie bestialisch sich die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen!

Gott: Hinweg mir dir!

Teufel: Ich geh ja schon! Aber wir werden ja sehen, wer das letzte Wort hat! In künftigen Märchenbüchern wird meine Version zu lesen sein! Meine!

Gott: Die Märchenerzählerinnen werden deine List durchschauen und ihre eigenen, stimmigen Darstellungen über die Rückkehr des treuen Johannes erzählen.

Episode 23

Im Schlafgemach der Königin. Die leise Melodie einer Spieldose ist zu hören. Dann die sanfte Stimme der Königin. Sie singt ein Schlafliedchen. Nanu, was ist hier los? Ah! Die Königin sitzt in einem bequemen Stuhl, lächelt und wiegt ein ganz kleines Baby. Madeleine wandelt leichten Schrittes im Zimmer herum und hält – ein zweites Baby, das an ihrer Schulter eingeschlummert ist.

Ja, meine Lieben, das war ein Zeitsprung von etwa neuen Monaten. Aber wir müssen die beiden – ich meine die vier – bereits wieder verlassen, denn es gibt eine Krisensitzung unter dem Apfelbaum. Darum: Szenenwechsel.

Berta, zum alten Mann: Es muss etwas geschehen! So kann es nicht weitergehen!

Alter Mann: Nur die Ruhe, meine Liebe, er wird sich früher oder später wieder fangen!

Berta: Tut er nicht. Jeden Abend weint er. Das geht doch nicht! Sie wird ihm früher oder später davonlaufen. Keine Frau hält dieses Trübsal blasen aus!

Alter Mann, bestürzt: Jeden Abend? Da muss ich dir Recht geben. Nachdenklich: Freut er sich denn gar nicht über seine Zwillingsbuben?

Berta: Doch, doch. Er liebt sie abgöttisch. Natürlich freut er sich. Doch kaum sind sie eingeschlafen, da grämt er sich.

Alter Mann: Jemand muss ihm ins Gewissen reden.

Berta: Mach du das. Du bist ein Mann, auf dich wird er hören!

Alter Mann: Auch auf dich hört er, zu dir hat er seit klein auf eine innige Beziehung!

Berta: Ich bin mir nicht so sicher, ob ich die Richtige dazu bin. Wir machen’s folgendermassen: Wer zuerst die Gelegenheit hat, mit ihm zu sprechen, du oder ich, der tut es.

Alter Mann: Und wie geht es dir, liebe Berta? Vermisst du Johannes sehr?

Berta, seufzend: Am Anfang war es schwer. Ich habe ihn vermisst. Ich war wütend, traurig und voller Schmerz.

Alter Mann: Und jetzt, geht es dir besser?

Berta: Ach, weisst du, ich kann doch nicht immerzu trauern. Es ist, wie es ist. Was immer geschehen ist, was immer geschehen wird, es nützt keinem was, wenn ich den Kopf hängen lasse.

Alter Mann: Das freut mich für dich, dass du dich zu dieser Einstellung durchgerungen hast.

Berta, aufgebracht: Deshalb finde ich es so falsch, wenn sich der König so niederdrücken lässt. Das wäre ganz und gar nicht in Johannes’ Sinn! Er hat sich für das Glück der beiden geopfert und nun das!

Alter Mann: Ich werde ihn aufsuchen und mit ihm sprechen.

Berta: Ja tu das, mein Lieber.

Erneuter Szenenwechsel. Wir sind wieder zurück im Schlafgemach der Königin. Jetzt aber sitzt der König am Bettrand, betrachtet seine beiden schlafenden Buben und hält die Hand seiner Gemahlin.

König: Sie sind wunderschön. Schau nur wie sie im Schlaf lächeln.

Königin: Ach, mein Lieber, wenn nur du wieder unbeschwert lächeln könntest!

König: Ich gräme mich so sehr.

Königin: Die Kinder brauchen dich. Dein Königreich braucht dich. Ich brauche dich.

König: Es ist meine Schuld.

Königin: Ich kann dein Selbstmitleid nicht mehr hören!

König: Das ist kein Selbstmitleid.

Königin, sanft: Ist es doch, mein Lieber.

König: Ich habe Johannes fortgeschickt. Ich habe ihm Unrecht getan!

Königin, erregt: Siehst du? Du sprichst immerzu nur von dir!

König: Ich kann meine Tat nicht ungeschehen machen.

Königin: Nützt es Johannes etwas, wenn du Trübsal bläst?

König, bedrückt: Es geht nicht darum, dass ich Trübsal blase, es geht darum, dass er meinetwegen gegangen ist.

Königin, bedrückt: Du bemerkst es nicht.

König: Was soll ich nicht bemerken?

Königin, sich aufrichtend: Du drehst dich fortwährend im Kreis. Du kommst kein Schrittchen weiter!

König: Ja, wohin ich auch gehe, meine Schuld bleibt bei mir.

Königin, mit einem Seufzer: Ich habe keine Kraft mehr, dich von etwas zu überzeugen, von dem du dich nicht überzeugen lassen willst.

König, zerknirscht: Es tut mir leid.

Königin: Komm, lass uns doch über unsere Kinderchen freuen.

König, die Hand der Königin drückend: Ja, ich freue mich sehr. Ich freue mich so sehr. Leise: Ich werde mich bemühen, das verspreche ich dir!

Königin, mit einem Lächeln: Mein Lieber, es dürfte auch ohne alle Mühe sein!

Erneuter Szenenwechsel: Zurück in den Park, zurück zum Apfelbaum, wo jetzt Berta auf der Bank sitzt, die Sonne geniesst und den Vögeln zuhört. Der alte Mann wischt in der Nähe die Wege und summt vor sich hin. Da erscheint der König, sichtlich bedrückt, und bleibt vor Berta stehen.

König, mit einer kleinen Verbeugung: Ist es erlaubt, Gnädigste?

Berta: Oh, mein König, Ihr müsst mich doch nicht um Erlaubnis bitten! Setzt Euch!

König. Ich danke Euch, Gnädigste.

Berta: Seid Ihr etwa gut gelaunt?

König, ironisch: Oh, diese Frage ist aufschlussreich! Ist sie etwa ein Hinweis auf meinen generellen Gemütszustand?

Berta, errötend: Das tut mir leid, mein König!

König: Entschuldige dich nicht, liebe Berta. Mein Gemütszustand gibt mir tatsächlich zu schaffen. Auch die Königin beschwert sich.

Berta: Was bedrückt Euch denn so sehr?

König, zögernd: Meine Schuld!

Berta: Habt Ihr Euch je jemanden anvertraut?

König, unschlüssig: Teils, teils.

Berta: Das dachte ich mir. Wenn Ihr wollt, dann... ich möchte nicht aufdringlich sein, aber...

König: Ich weiss, Berta, was du mir mitteilen möchtest. Aber glaube mir, ich...

Berta: Ihr schämt Euch.

König, beschämt: Ja.

Berta: Scham ist ein Gefühl, ein unerträgliches Gefühl!

König: Hast du dich je geschämt, Berta?

Berta, lächelnd: Ja, und wie!

König: Das kann ich mir kaum vorstellen. Aber du hast Recht: Manchmal würde ich mich am liebsten vor mir selber verstecken.

Berta: Das Dumme bei der Scham ist, dass es einem blockiert.

König, neugierig: Wie das?

Berta: Nun stellt Euch doch vor, die Scham sei eine Türe, die etwas verschliesst. Erst wenn die Scham überwunden ist, und die Türe sich öffnet, sieht man, welch eine Fülle an weiteren Gefühlen auf einem warten.

König: Das ging etwas schnell, liebe Berta. Wie überwindet man denn Scham?

Berta, lächelnd: Das ist kinderleicht, man stellt sich ihr!

König: Wie denn?

Berta: Man lässt die Scham zu. Besieht sie sich von allen Seiten und... weg ist sie!

König, skeptisch: Das soll funktionieren, so einfach?

Berta, lächelnd: Ja, das ist verrückt, nicht wahr?

König: Angenommen, ich stelle mich der Scham, was dann?

Berta, lächelnd: Dann merkt Ihr vielleicht, dass Ihr traurig seid.

König: Oh, traurig bin ich oft!

Berta, sachte: Es könnte sein, dass Ihr dann nicht traurig seid, weil Ihr Johannes fortgeschickt...

König: Sag ruhig «vertrieben»...

Berta: Von mir aus: Wo war ich stehen geblieben? Ah, ja: Ihr seid dann nicht mehr wegen Eures Tuns traurig, sondern weil Ihr Johannes zutiefst vermisst.

König, leise: Ich hasse meine Trauer!

Berta: Dann ist es noch nicht die tiefe Trauer, die von Herzen kommt.

König, mit Tränen in den Augen: Es schmerzt mich. Wenn ich etwas tun könnte, wenn ich mein Leben für ihn geben könnte, glaub mir, ich würde es tun!

Berta, lächeln: Nun, ich weiss, was Ihr meint, aber glaubt mir: Euer Leben dürft Ihr behalten. Mit Eurem noblen Opfer wäre keinem gedient.

König, verzagt: Was soll ich nur tun, Berta?

Berta, tröstend: Es wird alles wieder gut. Mögt Ihr Euch noch an die Zeit auf dem Schiff erinnern, als Johannes als Kaufmann unterwegs zum Schloss war und Ihr so verzagt wart?

König, lächelnd: Oh, ja! Ich erinnere mich gut! Da habe ich mit dir gesprochen und all meine Ängste vor dir ausgebreitet.

Berta, lächelnd: Und dann wurdet Ihr ruhig und gelassen!

König, lächelnd: Wie wahr!

Berta, lächelnd: Jetzt seid Ihr wieder verzagt, fühlt Euch gefangen in Irrnis und Wirrnis. Was könnte Euch den Weg zeigen, gleich einem Leuchtturm einem Schiff?

König, mit einem freudigen Lächeln: Meine Kinder. Meine Frau. Und all die vielen mir teuren Menschen hier und im ganzen Königreich!

Berta: So sei es!

Episode 24

Der grosse, offenbare Tag bricht an. Der Tag des Heils, der Tag des Frohlockens!

Tönt das nicht vielversprechend, meine Lieben Leserinnen und Leser? Aber ehrlich gesagt, ich bin einigermassen ratlos. Heute soll ja alles ein «gutes» Ende nehmen. Schlimmstenfalls morgen, wenn heute doch noch etwas schieflaufen sollte. Und ich weiss, ihr wollt, dass die Geschichte nun so schnell wie möglich weitergeht. Stimmt’s?

Merkt ihr denn nicht, wie sehr ihr mich unter Druck setzt? Mit alle euren Erwartungen?

Ich habe die Karten gelegt, genauer gesagt, das einfache Kreuz, um zu schauen, ob die Erzählung gut ausgeht. Die Quintessenz? Ja, in der Anleitung wird erklärt, es sei der Weg des Schicksals und des Magiers. Haha!

Märchenerzählerin: Spinnst du nun total?

Ich? Meinst du mich?

Märchenerzählerin: Ja dich!

Warum?

Märchenerzählerin: Deine Aufgabe ist es, zu erzählen, nicht irgendwelche Karten zu ziehen.

Unterbrich mich nicht ständig und lass mich auf meine Art erzählen!

Märchenerzählerin, aufgebracht: Und wohin soll das führen?

Ich habe eine Erzählblockade. Ich habe mir gedacht, ich ziehe die Karte und dann...

Märchenerzählerin: Dann ergibt sich was? Irgendetwas?

Seit du mir dreinredest, da bin ich ganz konfus.

Märchenerzählerin: Dann beruhige dich doch und erzähle endlich!

Nun, die erste Karte zeigt die Kaiserin...

Märchenerzählerin: Aufhören! Ich habe vorhin gemeint, du sollst die Geschichte weitererzählen, nicht deinen Kartenhokuspokus!

Ich muss dir etwas anvertrauen.

Märchenerzählerin: Warum flüsterst du?

Es darf uns niemand hören.

Märchenerzählerin, ebenfalls flüsternd: Was ist los?

Ich stecke in Schwierigkeiten.

Märchenerzählerin, flüsternd: Was ist geschehen?

Ich darf das Ende der Geschichte nicht so erzählen, wie es überliefert worden ist.

Märchenerzählerin, flüsternd: Sagt wer?

Die Anweisung kommt von ganz oben.

Märchenerzählerin, leise: Ah, deshalb deine Ratlosigkeit. Du hast keine Ahnung, was zu tun ist!

Pst, leise!

Märchenerzählerin: Du brauchst meinen Rat?

Ja.

Märchenerzählerin: Vor allem betreffend Johannes?

Ja.

Märchenerzählerin: Wie er... zurückkommt? Von den Toten aufersteht?

So ähnlich.

Märchenerzählerin: Was ist denn eigentlich mit ihm los?

Spielt das jetzt noch eine Rolle?

Märchenerzählerin: Ich finde ja. Die einen erzählen, er sei zu einem Stein geworden, die anderen, er habe sich in Luft aufgelöst oder er sei verschwunden und niemand wisse wohin.

Johannes aus dem Off: Warum fragt ihr eigentlich nicht mich?

Märchenerzählerin, flüsternd: Du lebst?

Johannes aus dem Off: Aber natürlich!

Märchenerzählerin: Und wo steckst du?

Johannes aus dem Off: Ich bin auf Reisen!

Märchenerzählerin: Und was bedeutet das ganz genau?

Johannes aus dem Off, geheimnisvoll: Auf der Heimreise, irgendwie. Ich werde heute oder morgen im Schloss eintreffen.

Märchenerzählerin, flüsternd: Hallo, bist du noch da?

Meinst du mich?

Märchenerzählerin, flüsternd: Du siehst, du kannst jetzt ganz gelassen deine Fäden weiterspinnen, es hat sich bereits etwas gelöst.

Na gut. Neustart dieser Episode:

Noch niemand weiss, dass es ein besonderer Tag wird. Noch ist es dunkel. Nur in der Küche brennt das Licht. Hier wird eifrig Kaffee gekocht und knusprige Brötchen und Zimtschnecken gebacken. Es duftet köstlich!

Martha zu Berta: Ich habe ein so eigenartiges Gefühl in meiner Brust, als würde gleich etwas Grosses geschehen heute.

Berta, schelmisch: Dein Schatz wird uns heute Kaninchen und Enten bringen. Das wird das Grosse sein!

Martha: Nein, es ist mehr. Es ist... erfüllend, beglückend!

Berta, lächelnd: Bist du etwa guter Hoffnung?

Martha, überrascht: Schwanger? Ich?

Berta, neckend: Das ist der Lauf der Dinge!

Martha, selig: Ich könnte schwanger sein?

Berta, lächelnd: Das musst du schon selbst wissen, meine Liebe!

Martha, mit einem Freudensprung: Ich bin schwanger!

Berta, beschwichtigend: Nur nicht so übereilt, meine liebe Martha. Du weisst, es gibt körperliche Symptome für eine Schwangerschaft!

Martha, überschwänglich: Das ist es ja, was mich so zum Lachen bringt: Ich frage mich seit Wochen, warum meine Blutung ausbleibt, und seit Tagen, warum meine Brüste so schwellen.

Berta, lachend: Oh, meine liebe, kleine, süsse, unschuldige Martha!

Martha, pikiert: Jetzt mach dich bitte nicht lustig über mich!

Berta, lächelnd: Mach ich doch nicht, du Gute. Ich freue mich für dich!

Martha, nachdenklich: Sag, liebe Berta: War die Königin wohl auch so glücklich wie ich?

Berta, lächelnd: Bestimmt! Ganz bestimmt!

Martha: Ah, jetzt weiss ich endlich, warum sie diesen Jammerlappen ausgehalten hat!

Berta, lächelnd: Sachte, Martha, sachte.

Martha, verdattert: Oh, mein Gott, ich wollte den König nicht beleidigen. Das muss an meinem Zustand liegen...

Berta, beschwichtigend: Ist ja gut, es hat’s ja niemand gehört. Nun hol doch schon die Butter aus dem Kühlraum, damit wir das Frühstück servieren können.

He du!

Märchenerzählerin: Du meinst mich?

Ja. Ich stocke wieder!

Märchenerzählerin, resigniert: Was sagen denn deine Karten?

Du willst, dass ich dir meine Karten offenlege?

Märchenerzählerin, flüsternd: Die erste Karte, die du gezogen hast, die Kaiserin. Was bedeutet sie?

Grundsätzlich geht es um Mutterschaft und Wachstum.

Märchenerzählerin, leise: Das ist bereits eingetroffen: Martha ist schwanger.

Aber es geht auch um Gier, Neid und Trägheit.

Märchenerzählerin, flüsternd: Damit kann ich nichts anfangen. Du etwa?

Nein, ich auch nicht.

Märchenerzählerin, resigniert: Und die zweite Karte?

Oh, die zweite Karte zeigt den König der Scheiben. Und es geht um die Suche nach emotionaler Geborgenheit.

Märchenerzählerin, aufatmend: Damit lässt sich was anfangen. Na los!

Eben geht die Sonne auf. Die Vögel rund ums Schloss begrüssen singend und zwitschernd den neuen Tag. Die Fenster der königlichen Schlafgemächer sind weit geöffnet. Die Königin räkelt sich im Bett und stuppst ihren Gemahl, der sich die Augen reibt und gähnt.

Königin: Hörst du die Vögel jubilieren?

König, verschlafen: Ja, wunderbar!

Königin: Sind die Kinder wach?

König: Keine Ahnung. Aber wie ich sie kenne, sind sie längst in der Küche.

Königin: Wie du als Junge!

König: Genau. Ich konnte es kaum erwarten. Morgens hatte ich immer einen Bärenhunger.

Königin, lächelnd: Unsere Buben geht es offenbar ähnlich.

König: Ach, wenn doch Johannes bei uns sein könnte, er würde sich so freuen. Er würde mit ihnen Drachen steigen lassen, Holzschiffe bauen und sie auf den Seerosenteich schwimmen lassen. Wie mit mir als Kind.

Königin: Ja, das würde er. Bist du noch traurig?

König: Ich bin traurig und es tut mir leid, was ich ihm unterstellt habe. Aber sonst... Er sieht seiner Gattin liebevoll in die Augen: Sonst bin ich rundum glücklich und zufrieden!

Königin: Du hast mir nie erzählt, was genau geschehen ist, damals.

König: Ich habe dir mit Absicht nichts erzählt.

Königin: Um mich zu schonen?

König, lächelnd: Oh, nein! Um mich zu schonen, meine Liebe!

Königin: Und?

König, gibt sich einen Ruck: Na gut. Als du ohnmächtig auf der Tanzfläche lagst, da bin ich zu Tode erschrocken. Johannes reagierte als erster. Er hob dich auf, trug dich in dein Zimmer und öffnete dir das Brautkleid.

Königin: Das ist nichts Neues. So viel weiss jeder, der im Schloss zu Hause ist.

König: Danach beugte er sich über dich und... jetzt zweifle ich, ob ich richtig gesehen oder mir alles nur eingebildet habe.

Königin, sachte: Und?

König: Ich glaubte zu sehen, dass er deine Brust im Mund hatte.

Königin, erschrocken: Oh! Aber das macht doch keinen Sinn!

König: Er spuckte anschliessend Blut auf ein Tüchlein und knüllte es zusammen. Ich war zu Tode erschrocken, dachte, er hätte dich verletzt. Und...

Königin, behutsam: Ja, und?

König: Später hat er mir dann erklärt, dass er so hat tun müssen, dass ein Fluch über uns gelegen und er dich und mich gerettet habe. Doch zuvor...

Königin, sachte: Ja?

König: Ich habe ihn gescholten, habe gesagt, er hätte seine Grenzen als Diener bei weitem überschritten, ich würde seinen Anblick fortan nicht mehr ertragen, er solle mir aus den Augen gehen und nie mehr zurückkehren.

Königin, sanft: Ah!

König: Er hat mir einen Stein in die Hand gedrückt und gesagt, ich hätte ein Herz aus Stein. Er hätte sich für uns aufgeopfert und sei ohne Schuld. Er könne nun so oder so nicht mehr bleiben, denn wenn er mir gleich aufzeige, warum er was, wann gemacht habe, dann sei er verflucht.

Königin: Und dann hat er dir alles erzählt.

König: Und mich beschämt.

Königin: Und du fühlst dich seither verantwortlich dafür.

König: Ja und nein. Heute bin ich zutiefst dankbar dafür, dass Johannes uns gerettet hat, denn das hat er. Ich bin beschämt, dass ich ihm nicht vertraut habe. Das ist meine Schuld. Nur weil ich ihm Schlimmes unterstellt habe, hat er sich mir erklären müssen, und weil er über den Fluch gesprochen hat, wurde er verstossen. Ich bedaure vor allem, dass er seine eigenen Pläne nicht verwirklichen konnte.

Königin: Vor allem hat er Berta verlassen.

König. Ja. Das tut mir leid. Leid für Berta, leid für Johannes.

Königin, mit einem Lächeln: Ich habe heute Nacht von Johannes geträumt!

König: Ja?

Königin: Er hatte unser drittes Kind in den Armen und uns zugelächelt.

König, verwirrt: Wir haben doch gar kein drittes Kind... oder doch?

Königin, mit einem strahlenden Lächeln: Mein Schatz!

König, nimmt seine Gattin in den Arm und flüstert: Du bist in guter Hoffnung?

Königin, lächelnd: Ja, bin ich. Und du weisst, was man über die Träume von schwangeren Frauen sagt, zumal in einer Vollmondnacht?

König, lächelnd: Keine Ahnung. Sag es mir!

Königin: Es sind Träume die wahr werden.

Episode 25

Der grosse, offenbare Tag bricht an. Der Tag des Heils, der Tag des Frohlockens!

Ich weiss, das habe ich bereits gestern gesagt, und war es nicht ein Tag des unverhofften Heils und unerwarteten Frohlockens?

Heute ist ein wunderschöner Sommertag und die Königin hat mit Madeleine, ihrer Kammerzofe, ein spätes Mittagessen draussen im Freien geplant. Der König unternimmt währenddessen mit den seinen etwa sechsjährigen Prinzen, Nahuel und Giachem, einen Reitausflug durch die sommerliche Landschaft: durch blühende Wiesen, entlang der Getreidefelder und entlang der Waldränder. Sie werden vom Jäger begleitet, denn er kennt sich in Feld und Wald wunderbar aus, und vieles Getier von Vögeln bis zu Hirsch, Reh und Dachs, ach ja, und auch Wildscheinen. Die Prinzen sind hell begeistert.

Berta sitzt mit der Märchenerzählerin unter dem Apfelbaum, der alte Mann gesellt sich soeben zu ihnen, da schreitet eine alte Bekannte durch Schlosstor.

Sabine With: Hallo, ihr Lieben, lange nicht mehr gesehen!

Berta: Seid herzlich willkommen!

Märchenerzählerin: Ihr kommt gerade richtig: Heute Nachmittag gibt es ein Picknick beim Seerosenteich.

Sabine With: Ach! So feiert ihr hier im Süden Weihnachten?

Märchenerzählerin: Heute ist Weihnachten?

Sabine With, lachend: Ja, feiert ihr Weihnachten etwa nicht?

Berta: Eigentlich schon.

Sabine With, lachend: Aber ihr müsst mir zuerst erzählen, was sich in der Zwischenzeit so ereignet hat.

Sabine With wird auf den neuesten Stand gebracht wird – ja, den Buben geht es gut, und ja, Martha ist nach wie vor mit dem Jäger zusammen und ja, Kurt ist nun der neue Küchenchef und ja, Madeleine ist seine Braut... Nein, das ist für uns ganz und gar unwichtig, weshalb wir die tratschende Damengesellschaft kurz verlassen, und einen Abstecher zur Reitergruppe machen.

Unsere vier Reiter sind soeben im Galopp auf einen der umliegenden Hügel geritten.

Nahuel, bettelnd: Papa, noch einmal!

Giachem: Ja, Papa, noch einmal!

König, stolz: Jungs, nicht übertreiben! Wir wollen doch nicht, dass einer von euch aus lauter Übermut vom Ross fällt.

Nahuel und Giachem unisono: Bitte Papa!

König, zum Jäger: Man kann ihnen nicht wiederstehen...

Jäger, zu den Prinzen: Noch einmal, das genügt für heute.

König: ...sie sind sich immer einig, was sie wollen...

Jäger, mit strenger Stimme: So ihr beiden. Ihr dürft nun ohne unsere Begleitung zum Fuss des Hügels hinunter reiten...

Nahuel, eifrig: Im Schritt!

Giachem: Im Schritt, hopp, hopp!

Jäger: Ho, ihr Gäule, ho!

Nahuel, zum Jäger: Warum hast du unsere Pferde angehalten?

Jäger: Ihr sollt zuerst zuhören und erst, wenn ich meine Anweisungen beendet habe und euch auffordere, erst dann dürft ihr losreiten, ihr Rabauken!

Giachem: Was ist ein Rabauke?

König: Das ist ein rüpelhafter Junge.

Nahuel, empört: Wir sind keine Rüpel.

Giachem: Dürfen wir?

Jäger: Na los doch, ihr Rabauken!

Die beiden Prinzen reiten vorsichtig los, brav im Schritt, einer neben dem anderen.

König, stolz: Sie sitzen königlich im Sattel.

Jäger: Ja, Ihr könnt wirklich stolz auf sie sein.

Auf dem Weg den Hügel hinab gibt es einen kleinen Schilfbestand. In diesem Dickicht hat sich der Teufel versteckt.

Teufel, hämisch: Ha! Er hat mir zwar verboten, Johannes und dem König nachzustellen und ich soll mich auch vom Schloss fernhalten, doch von seinen Söhnen hat er nicht gesprochen. Ich werde sie das Fürchten lernen, diesen Nahuel und Giachem! Ha!

Und flugs verwandelt sich der Teufel in ein altes Mütterchen.

Nahuel zu Giachen: Schau mal Giachem, dort vorne steht ein altes Mütterchen am Wegesrand.

Giachem: Was will das Mütterchen hier? Weit und breit ist doch kein Haus?

Nahuel: Du weisst ja, manchmal werden alte Menschen wunderlich. Vielleicht hat sie sich verirrt und irrt nun umher.

Giachem: Guten Tag, liebe Frau, fehlt euch etwas, habt ihr euch verirrt?

Teufel als Mütterchen: Oh, nein, liebe Kinder.

Nahuel: Wo wohnt ihr denn? Nahe kann es ja nicht sein?

Teufel als Mütterchen: Doch, doch, hier, in diesem Wäldchen hier, da wohne ich.

Giachem: Das ist kein Wäldchen, das ist ein Dickicht.

Mütterchen: Es ist ein kleines Schilfwäldchen. Mittendrin steht mein Knusperhäuschen.

Nahuel: Sagtet ihr Knusperhäuschen? Wie im Märchen?

Mütterchen: Ja, mein lieber Junge, es ist ein Märchenhäuschen.

Giachem, skeptisch: Märchenhäuschen gibt es nur im Märchen.

Mütterchen: So kommt doch ihr lieben Jungen und schaut doch selber.

Nahuel, neugierig: Ja, zeig uns den Weg.

Mütterchen: Die Rosse müsst ihr hier stehen lassen, meine Katze fürchtet sich vor grossen Tieren.

Giachem, misstrauisch: Du hast eine Katze, die sich vor Pferden fürchtet?

Mütterchen, ungeduldig: Kommt ihr nun oder kommt ihr nicht?

Giachem, vorsichtig: Eigentlich müssten wir unseren Vater fragen, ob wir mit euch gehen dürfen.

Nahuel zu Giachem: Na komm schon, Giachem. Es ist doch nur ein klitzekleiner Abstecher!

Mütterchen, lockend: Kommt, Kinderchen, kommt.

Da steigen die beiden Prinzen von den Pferden, legen das Zaumzeug über den Sattel und folgen die dem Teufel in das Schilfwäldchen. Mit jedem Meter, den sie dem Mütterchen folgen, wird das Dickicht dichter und dichter. Plötzlich sind sie umgeben von einem undurchdringlichen Stechpalmengestrüpp.

Giachem, ängstlich: Wo sind wir hier? Das geht nicht mit rechten Dingen zu.

Mütterchen, lockend: Wir sind gleich da, liebe Kinderchen.

Nahuel, beschwichtigend: Komm Bruder. Wir gehen bis zu ihrem Häuschen und kehren dann gleich um.

Da sieht man wirklich auch schon Rauch aufsteigen und plötzlich lichtet sich das dichte Buschwerk und gibt den Blick auf eine Lichtung frei, in dessen Mitte ein kleines Lebkuchenknusperhäuschen steht. Eine schwarze Katze räkelt sich auf einer Bank, springt auf und streicht dem Mütterchen um die Beine.

Giachem, ängstlich: Wir sollten umkehren, Nahuel. Mir ist nicht wohl bei der Sache.

Mütterchen: Kommt nur näher, ihr lieben Kinderchen. Seht doch selber: Mein Knusperhäuschen ist ganz aus leckerem Lebkuchen gefertigt.

Giachem zu Nahuel, flüsternd: Das ist eine Hexe. Oder der Teufel. Wir müssen schnell zurückkehren. Die Hexe wird uns verhexen und einsperren und dann auffressen.

Nahuel, leise: Du hast Recht. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht.

Giachem, zum Mütterchen, schmeichlerisch: Danke liebe Frau, dass ihr uns euer schönes Häuschen gezeigt hat. Wir kehren nun um. Unser Vater wartet sicher schon längst auf uns und sorgt sich bestimmt, wo wir so lange bleiben!

Da nimmt Nahuel, der sich nun auch ganz und gar unbehaglich fühlt, seinen Bruder bei der Hand. Sie machen rechtsumkehrt, betreten eilends den schmalen Pfad, auf dem sie gekommen sind, und rennen los. Sie rennen und rennen und sind bald schon atemlos, kommen aber aus dem Dickicht einfach nicht heraus.

Giachem zu Nahuel: Wir haben uns verirrt!

Nahuel: Das kann nicht sein. Es gab nur einen Weg zum Häuschen. Ich habe beim Hinweg darauf geachtet: Es gab nirgends eine Abzweigung, nur dieser schmale Trampelpfad.

Giachem: Stimmt. Aber trotzdem stimmt etwas nicht. Wir sind nun mitten in einem dichten Buschwald aus Brombeeren und...

Nahuel: Auf dem Hinweg gab es keine Brombeeren, nur Schilf und Stechpalmen.

Giachem: Etwas stimmt hier ganz und gar nicht.

Nahuel: Das ist ein verwunschener Hexenwald.

Giachem, ängstlich: Sie war kein Mütterchen, sondern eine Hexe. Oh, Nahuel, was können wir nur tun?

Nahuel: Wir schliessen die Augen und stellen uns vor, wie es hier aussehen sollte.

Giachem: Wozu soll das gut sein?

Nahuel: Wenn das alles hier Hexerei ist, dann befinden wir uns in einer Scheinwelt.

Giachem: Aber wozu die Augen schliessen?

Nahuel: Wir stellen uns vor, wir seien im Schilf und da vorne warten unsere Pferde. Komm, halte mich. Und schliess nun die Augen.

Giachem und Nahuel geben sich die Hände, schliessen die Augen. Tatsächlich hört man nun entferntes Pferdescharren und ein leises Wiehern.

Nahuel zu Giachem: Halt deine Augen geschlossen. Wir gehen dem Wiehern nach.

Und so gelangen sie zu ihrer Freude in kürzester Zeit zu ihren Pferden zurück und steigen gleich auf.

Giachem, atemlos: Mein Herz pocht wie wild.

Nahuel: Meines auch. Reiten wir zurück?

Giachem: Ja, im Galopp! Aber wir sagen unserem Vater nichts, sonst ist er nur beunruhigt.

Nahuel: Einverstanden!

Und weil sie so jung sind, ist auch die Angst sofort weg, und sie galoppieren frohgemut den Hügel hinan, derweil sich der Teufel grün und blau ärgert und darauf sinnt, die beiden Prinzen doch noch in seine Fänge zu bekommen.

Plötzlich beginnen die Pferde ihre Köpf wild hin und herzuwerfen. Worauf die Prinzen ihnen ein lautes «Ho» zurufen, um die Pferde anzuhalten.

Nahuel: Was ist los, was haben die Pferde? Sie schütteln ihre Köpfe, dass die Mähnen fliegen.

Giachem: Es sind dicke Stechfliegen, welche sie plagen.

Nahuel: Lass uns unsere Jacken ausziehen und sie zum Schutz vor den Fliegen über die Augen unserer Pferde legen.

Giachem: Und danach?

Nahuel, lachend: Dann steigen wir ab und führen die Pferde zurück.

Gesagt, getan. Die Pferde beruhigen sich und lassen sich führen. Da ringelt sich plötzlich eine giftige Schlange auf dem Weg vor den Prinzen und lauert ihnen auf. Das ist natürlich der Teufel, der sich in eine Schlange verwandelt hat. Die Prinzen weichen zurück.

Nahuel: Eine Schlange!

Giachem: Schnell aufs Pferd, damit sie uns nicht erwischt.

Aber es ist zu spät. Bevor sie sich zurück auf die Pferderücken schwingen können, hat die Schlage blitzschnell zugebissen und die Prinzen fallen ohnmächtig zu Boden.

Inzwischen haben sich der König und der Jäger natürlich gewundert, warum Nahuel und Giachem so lange auf sich warten lassen. Jetzt ist ihnen angst und bang und sie reiten im Eiltempo den Hügel hinunter, wo sie bereits von weitem die beiden Prinzen auf dem Weg liegen sehen.

König, beunruhigt: Es ist etwas Schreckliches geschehen!

Jäger, der inzwischen vom Pferd gesprungen ist: Sie sind ohnmächtig.

König, der sich neben seien Söhne kniet: Sie scheinen unverletzt.

Jäger, mit einem untrüglichen Instinkt ausgestattet, krempelt die Hosen der Prinzen hoch: Sie wurden von einer Schlange gebissen! Sie haben beide kleine Stichwunden an ihren Unterschenkeln.

König, beunruhigt: Was ist zu tun?

Jäger: Wir müssen die Wunden aussaugen, damit das Gift nicht weiter in ihre Körper dringt.

König, schlagartig ruhig: Ich weiss etwas Besseres!

Er nimmt einen glatten Stein aus seiner Tasche und streicht damit über die kleinen Bisswunden, die sich sogleich schliessen und verschwinden. Nahuel und Giachem seufzen tief und erwachen.

Nahuel, die Augen aufschlagend: Wo sind wir? Wo ist die Schlange?

Giachem, erwachend: Da ist ja Vater und der Jäger!

Nahuel und Giachem: Warum weinst du Vater?

König, weinend: Ich habe euch bereits verloren geglaubt. Ihr seid beinahe gestorben.

Jäger: Ihr wurdet von einer Schlage gebissen. Doch Euer Vater hat einen Stein genommen und eure Wunden damit bestrichen und ihr wart augenblicklich geheilt.

König, weinend: Das ist der Stein, der mir Johannes vor Jahren überreicht hat. Er hat mir gesagt, ich würde ihn einmal brauchen und grosses Unheil damit abwenden. Der gute, treue Johannes! Ach, wenn er doch nur zurückkommen würde, damit ich ihm sagen kann, wie dankbar ich ihm bin!

Nahuel, tröstend: Nicht traurig sein, Vater. Er kommt uns sicher einmal besuchen.

Giachem, tröstend: Alles wird gut, alles wird gut.

Jäger, zum König: Denkt daran, Kindermund tut Wahrheit kund.

Wir verlassen die kleine Gruppe, denn inzwischen ist es Nachmittag, das Picknick im Schlosspark ist angerichtet. Soeben tritt ein Wanderer in schwarzem Mantel und schwarzem breitkrempigen Hut durchs Tor der Schlossmauer.

Alter Mann, den Fremden begrüssend: Sei gegrüsst Fremder.

Fremder: Sei gegrüsst, alter Mann.

Alter Mann: Wollt ihr mir vielleicht euren Mantel geben und euren Hut, ich führe euch ins Schloss, dort könnt ihr euch erfrischen.

Fremder: Seid ihr immer so gastfreundlich zu Leuten, die ihr nicht kennt?

Alter Mann: Das ist hier Tradition.

Fremder: Sagt, könnt ihr mich zum König führen?

Alter Mann: Der König ist mit seinen Söhnen ausgeritten, doch er wird bald hier sein. Darf ich euch zur Königin führen?

Fremder, nickend: Ja, das dürft ihr.

In diesem Augenblick reitet der König mit den Zwillingen und dem Jäger durchs Tor, sieht den Fremden, gleitet im Nu vom Pferd und eilt zu ihm, umarmt ihn und küsst ihn.

König, weinend: Johannes! Mein lieber, treuer Johannes!

Und es ward grosse Freude im Königsschloss und im ganzen Königreich. Johannes heiratete Berta und sie zogen in ein kleines Haus ausserhalb der Schlossmauern, wo sie Gemüse und Kräuter anbauten und eine Ziege hielten. Die Königin gebar ein Mädchen und nannte sie Leonie. Und wie der König vorausgesagt hatte, verbrachte Johannes viel Zeit mit Nahuel und Giachem und lehrte sie Bogenschiessen und Schwimmen und viele andere nützliche Dinge wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Berta war in der Küche ein stets willkommener Gast. Dort erzählte sie der wachsenden Kinderschar – nicht nur Martha und der Jäger hatten ein Kind bekommen, sondern auch Madeleine und Kurt – zahlreiche spannende Geschichten und Märchen. Und so lebten alle in Glückseligkeit bis an ihr Lebensende.

Märchenerzählerin, leise: Du?

Was willst du noch?

Märchenerzählerin: War nun Johannes ein Stein oder nicht?

Das spielt doch keine Rolle mehr!

Märchenerzählerin: Ich würde es gerne wissen.

Du gibst wohl keine Ruhe! Nun denn: Johannes war der Stein in der Tasche des Königs.

Märchenerzählerin: Aber Johannes war doch auf Reisen?

Vielleicht war er auf Reisen und gleichzeitig der Stein?

Märchenerzählerin: Du weisst es nicht?

Wie soll ich alles wissen müssen? Aber der König hat Johannes vertraut und den Stein gebraucht, um seine Kinder zu retten. Genügt das nicht?

Märchenerzählerin: Doch. Also tschüss, bis zum nächsten Jahr!

Tschüss und schöne Weihnachten.

Märchenerzählerin: Ähm, bist du noch da?

Du wirst langsam lästig. Was willst du denn jetzt noch?

Märchenerzählerin: Die Karten!

Die Karten?

Märchenerzählerin: Welche Karten hattest du noch gezogen?

Das spielt definitiv keine Rolle mehr! Aber du wirst ja keine Ruhe geben: die dritte Karte hiess die sieben Stäbe und steht für Tapferkeit, die vierte zeigte den Prinzen der Stäbe. Zufrieden?

Märchenerzählerin: Und die Interpretation?

Genug ist genug. Jetzt hast du mir meinen schönen, stimmigen Schluss vermasselt.

Märchenerzählerin: Oh, ich dachte, wir seien längst offline...

Adventsgeschichte 2019